Schluckspechte auf Staatstheaterbalz

11. Mai 2006, 18:56
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Festwochen: "Faces", eine Cassavetes-Filmadaption durch Regisseur Ivo van Hove, im Museumsquartier

Wien - Nie war der US-Independent-Film dichter dran am europäischen Improvisationsideal als in den Ehekriegstänzen von John Cassavetes. Im Streifen "Faces" erlebt eine Schar in seelischer Auflösung begriffener Wohlstandskalifornier einen schnöden Mittsommernachtstraum: Unmengen an Whiskey werden mit Eis gefüllt. Unmengen an verletzenden Worten werden den hassgeliebten Ehehälften an die Köpfe geworfen. Eine als lieblos empfundene Ehe wird zerstört, weil ein nicht mehr ganz junger Industriekapitän ausgerechnet in den Armen eines Callgirls Erlösung sucht.

Es herrscht, rund 30 Jahre vor Erfindung der Dogma-Bewegung, eine an den Verzerrungen der Gesichter ablesbare Siedestimmung. Im Museumsquartier (Halle G), wo "Faces" präsentiert wird, herrscht eine bezaubernd einlullende Gute-Nacht-Stimmung. Doppelbetten treten bis zum Horizont zu Inseln und Archipelen zusammen. Man gibt sein Schuhwerk ab und erlebt, zu viert auf Matratzen hingestreckt, aneinander die Preisgabe jenes Distanzgefühls, dessen Einhaltung zu den Erfolgsgeheimnissen einer langen Ehe gehört (Ausstattung: Jan Versweyveld).

Regisseur Ivo van Hove, der gute Herbergsvater dieser bei "Theater der Welt 2005" uraufgeführten Filmadaption, dirigiert eine Schar grimmig entschlossener Staatsschauspieler, die eine Art Walpurgisnachtfeeling entwickeln. Stehtischchen sind mit Gläsern und Fuselflaschen vollgestellt - entleerte Behälter werden mit infernalischem Krach in Containern entsorgt. Zwischen der kalifornischen Küste und dem Hamburger Elbe-Ufer liegen freilich Kulturbarrieren, an denen sich die Party-Leute wundstoßen müssen. Der leitende Angestellte Richard Forst (Samuel Weiss), ein kleines Gefühlskraftwerk auf Sauftour, entwickelt zum Callgirl Jeannie Rapp ein rasendes, am Gesellschaftsplatz folgenlos durchdrehendes Begehren. Er verlangt, sich von der ihm zugemuteten Frau zu entlieben.

Er lässt sich von Jeannie (Monique Schwitter) die Liebesillusion umsonst andrehen: eine patente Sachverständige für amouröse Beschwindelungsfälle, die die Grobheiten ihrer Geschäftsreisenden wie Gratifikationen einsteckt. Dazwischen: eine lärmende Party, mit Kolorit-Jazz aufgepeppt. Ein heilloses Geschnatter durch die unvermeidlichen Gesichtsmikrofone, das alle modernen Kinsey-Reports überflüssig macht.

Das Verhökern der eigenen Person am Markt der sexuellen Begehrensleistungen nötigt allen viel Schauspielerschweiß ab. Richards Eheüberreste liegen am Schluss zerstört im Doppelbett - die Illusionen sind verraucht. Dieser Beweisführung hat es fast nicht bedurft. Aber man muss schon zugeben: In den vergangenen 2400 Jahren sind auch kaum brauchbare Stücke geschrieben worden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)

Von Ronald Pohl

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festwochen.at

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    foto: festwochen /a.t. schaefer
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