Ein ganzer Stadtteil als Kraftwerk

11. Mai 2006, 17:39
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Im gesamten Wiener Stadterweiterungsgebiet Flugfeld Aspern soll min- destens so viel Energie produziert werden, wie verbraucht wird

Wien – Dass es mit Alternativenergie geht, haben bereits andere bewiesen – jetzt geht es darum, ob ein nächster großer Wurf gelingt: Wie kann ein ganzer Stadtteil aussehen, der autark ist, der keine Energie von außen benötigt. Und genau das wird derzeit für das Wiener Stadtentwicklungsgebiet Flugfeld Aspern vorbereitet, wie Bernd Rießland, Geschäftsführer des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF) im STANDARD-Gespräch bestätigt. Das Ziel sei, möglichst einen Stadtteil zu errichten, in dem so viel nachhaltige Energie erzeugt, wie verbraucht wird.

Die heiße Quelle

Die wichtigste Grundlage dafür ist die Gunst des Standortes: Denn ironischerweise war man ausgerechnet bei einer Bohrung auf der Suche nach Öl genau hier auf eine Heißwasserquelle gestoßen. Und die hat es in sich: "Wir wissen aus den Untersuchungen, dass es in 2500 bis 3000 Metern Tiefe Wasser mit einer Temperatur von rund 100 Grad gibt", erläutert Rießland. Allein das könnte schon für den Wärmebedarf des Gebietes genutzt werden. Aber: "Noch 2000 Meter tiefer befindet sich unter Druck Wasser mit 200 Grad. Wenn man das herauslässt, ist das Dampf, der für eine Stromproduktion genutzt werden könnte." Derzeit wird untersucht, ob dies wirtschaftlich machbar ist. Für eine Wärmeproduktion müssten rund 15 Mio Euro investiert werden, wird Strom erzeugt 25 Mio Euro.

Doch wenn es gelänge, wäre das für einige Industriebetriebe höchst interessant. Rießland verhandelt derzeit bereits mit Unternehmen, die höchstes Interesse an Standorten haben, die Energiesicherheit unabhängig von Weltmarktpreisen bieten können.

Zum Vergleich: Bei der bisher ambitioniertesten heimischen Tiefenbohrung an der Grenze von Oberösterreich zu Deutschland wird nach Wasser mit einer Temperatur von 80 Grad gegraben, das zum Heizen verwendet werden soll.

Oberstes Ziel Energieeffizienz

Die Geothermie könnte aber nur eine – wenn auch die größte – Stufe einer "ganzen Kaskade von Maßnahmen" im neuen Stadtteil von Wien sein, wie Rießland weiter erläutert.

Oberstes Ziel soll die Energieeffizienz sein. "Da geht es beispielsweise auch darum, großzügigere Freiräume – und auf der anderen Seite dichte Urbanität zu schaffen. Das hat auch energiepolitische Konsequenzen und reduziert den Verbrauch."

Weiters solle laut Rießland im Stadtentwicklungsgebiet möglichst Passivhausstandard realisiert werden. "Wir überlegen, Grundstücke in Baurecht zu vergeben und den Grundstückszins vom Energieverbrauch abhängig zu machen." Vor allem aber solle über Wettbewerbe die Energieminimierung im Wohnbau forciert werden. Nicht nur erste Wohnbauten werden so bereits andiskutiert, "wir haben in aller Stille bereits etwas Studentisches in Vorbereitung".

Weitere Themen könnten Baustoffe sein – und dabei könnte Holz für diesen Stadtteil ein bestimmendes Thema werden. Und: Wie kann durch Gestaltung, etwa durch die optimalen Nutzung von Tageslicht, der Energieverbrauch gesenkt werden. Oder: Wie geht man mit Energie fressenden Haushaltsgeräten um.

Forschung und Export

Vor diesem Hintergrund wird die Frage der angesiedelten Forschungsbetriebe im Stadtteil noch um einiges interessanter. Würden etwa sowohl die Technische als auch die Wirtschaftsuniversität kommen, würde sich automatisch die Möglichkeit für spannende Spin-offs eröffnen. Derzeit sind für das Stadtentwicklungsgebiet Flugfeld Aspern bis zu 8500 Wohnungen und Betriebe mit bis zu 25.000 neuen Arbeitsplätzen vorgesehen.

Ein derartiger Stadtteil der Zukunft wäre für Rießland jedenfalls auch "wirtschaftspolitisch hochinteressant. Das wäre gleichzeitig eine Referenz für neue Export-Chancen." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)

  • Kämen sowohl die Technische als auch die Wirtschaftsuniversität nach Aspern, würden sich Möglichkeiten für spannende Spin-offs eröffnen.
    foto: standard/christian fischer

    Kämen sowohl die Technische als auch die Wirtschaftsuniversität nach Aspern, würden sich Möglichkeiten für spannende Spin-offs eröffnen.

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