"Irgendwann gewöhnen wir uns an den Euro"

2. Oktober 2006, 14:17
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Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler erklärt im derStandard.at- Interview, warum der Euro in Wahrheit kein "Teuro" ist und wir ihn trotzdem als solchen wahrnehmen

Seit der Einführung des Euro als Bargeld Anfang 2002 orten KonsumentInnen oft auch dort Preissteigerungen, wo die Preise tatsächlich gleich geblieben oder sogar gesunken sind. Der Begriff "Teuro" ist Allgemeingut. Im Gespräch mit Anita Zielina erklärte Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler, woraus diese Fehleinschätzung resultiert, wie sehr sich die Preise tatsächlich geändert haben und wie man jetzt noch gegensteuern könnte.

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derStandard.at: Eine Ihrer Studien befasste sich mit der Problematik, wie Menschen in Österreich und Deutschland die Veränderung von Preisen und Löhnen nach der Euro-Einführung wahrnahmen - was war das Ergebnis?

Kirchler: Wir haben festgestellt, dass noch Jahre nach der Euro-Einführung die Erwartung bestand, dass Preise gestiegen sind, Konsumenten also generell tiefer in die Tasche greifen müssen als vorher.

Um das zu überprüfen, wurden drei Versuchsgruppen gebildet. Allen wurden Schillingpreise in einem Restaurant vorgegeben. Jeweils einer Gruppe wurden dann Europreise genannt, die entweder um bis zu 15 Prozent höher oder eben um 15 Prozent niedriger als tatsächlich waren. Bei der dritten Gruppe wurden die Preise korrekt umgerechnet. Das Ergebnis: In allen Fällen wurde von den Versuchspersonen eine Teuerung wahrgenommen, also selbst in der Versuchsgruppe, in der die Preise tatsächlich gesunken sind!

derStandard.at: Das bedeutet, selbst bei einer bewusst falschen Umrechnung läßt sich dieses Vorurteil nicht beseitigen?

Kirchler: Bei Preisen im Produktbereich wurde immer eine Steigerung wahrgenommen, bei den Löhnen hingegen nie. Summa summarum muss man sagen, in den Köpfen der Leute hat der Euro mit einer Teuerung zu tun. Diese Meinung ist selbst dann nicht aus den Köpfen oder Herzen zu bekommen, wenn man die Leute wirklich "täuscht" und die Preise reduziert. Auch wenn man tatsächlich niedrigere Preise angibt, lässt sich dieser Eindruck nicht wegbringen.

derStandard.at: Wieso hält sich diese Überzeugung so hartnäckig?

Kirchler: Wir haben, ebenso wie die Kollegen aus Deutschland, vermutet, dass negative Ereignisse eher wahrgenommen werden als positive, das kennen wir aus den Medien ja auch nicht anders. Wenn man erlebt, dass etwas zum eigenen Nachteil geschieht, dann sucht man nach Gründen. Man nimmt Einzelereignisse als Bestätigung für generelle Entwicklungen.

derStandard.at: Und Einzelereignisse, was Teuerung betrifft, gab es?

Kirchler: Ja, es gab natürlich gerade im Bereich Gastgewerbe und Tourismus einige Veränderungen, die nicht zu Gunsten der Konsumenten ausgefallen sind. Wenn man dann unter anderem durch Medienberichte vermittelt bekommt, dass Preise gestiegen sind, dass manche Sündenböcke enttarnt wurden, dann bestätigt man sehr schnell die eigene Hypothese, dass alles teurer geworden ist.

Das muss nicht stimmen, aber mit dieser Hypothese gehen sie los und untersuchen die Welt. Alles, was der Hypothese entspricht, wird nicht ein zweites Mal geprüft. Gibt es hingegen widersprüchliche Infos zur eigenen Vermutung, Erwartung oder Meinung, prüft man ein zweites Mal nach. Die Folge ist, dass sich die eigene Meinung überdimensional häufig bestätigt.

derStandard.at: Wie kam es zu einer so "massentauglichen" Täuschung? Die Wahrnehmung des Euro als Teuro ist ja fast Allgemeingut?

Kirchler: Wer vor allem diese Meinung vertritt, sind Euro-Gegner, die durch derartige Vermutungen ihre pessimistische Prognose bestätigt sehen. Aber auch unter den Euro-Befürwortern passiert es, dass diese von einzelnen Teuerungen betroffen sind. Auch heute noch passieren Rechenfehler bei der Umrechnung, außerdem wird die Auswirkung der Inflation nicht beachtet. Das alles trägt dazu bei, dass eine verzerrte Wahrnehmung existiert.

derStandard.at: Wie sieht die Lage heute aus?

Kirchler: Wir haben keine ganz aktuelle Studie, die letzte Untersuchung ist eineinhalb Jahre her. Man kann aber in jedem Fall auch heute noch sagen: Es hält sich zäh der Gedanke, der Euro hätte zu Teuerungen geführt. In diese Problematik spielen auch immer die allgemeinen Einstellungen zur Währungsunion oder zur EU hinein. Eines ist zumindest sicher, irgendwann gewöhnen wir uns auch an den Euro.

derStandard.at: Hätte man diesen Verzerrungen mit besserer Informationspolitik entgegenwirken können?

Kirchler: Ich glaube, dass immer wenn irgendwas nicht läuft wie es laufen sollte, immer wenn es Kritiker gibt, wir sehr schnell beim Rezept "Kommunikation" sind. In allen unseren Studien hat sich gezeigt, dass EU und Euro, kaum voneinander zu trennen, ein sehr emotionales Thema sind. Wenn sie mit Emotionen zu tun haben, ist aber nicht der Kopf der Bereich, wo eine Veränderung stattfindet, sondern das Herz.

Ich fürchte fast, dass Information nur dann einen Sinn hat, wenn Menschen die Information auch aufnehmen wollen. Sie können niemanden zwingen, Infos aufzunehmen, und sie können niemanden zwingen, zu glauben, dass die Infos objektiv sind.

derStandard.at: Wenn nicht durch Informationspolitik, wie hätte man der großen Skepsis sonst beikommen können?

Kirchler: Ich hätte eher vermutet, dass man mit Emotionalisierung weiter kommt. Dass man versucht zu zeigen, dass Österreich sich in diesem Konzert der EU-Staaten, im Bereich Wirtschaft, Kultur und Politik positionieren kann, und das in vielen Fällen sehr vorteilhaft. Ich glaube, dass man dadurch Ängste reduzieren hätte können, immer noch kann, und dass man über die Stärkung von Zuversicht und Zutrauen die Bereitschaft der Bevölkerung erhöhen könnte, sich mit Veränderungen abzufinden.

derStandard.at: Wäre solch eine Kampagne auch jetzt noch sinnvoll?

Kirchler: Die EU ist immer wieder ein Thema, mit all ihren Veränderungen, das muss nicht immer der Euro sein. Wie in der Werbung muss der generelle Zugang zum Thema über Information stattfinden, aber die Infos müssen so aufbereitet sein, dass sie gut zugänglich sind. Und das ist über Gefühlskanäle leichter möglich.

Das Gespräch führte Anita Zielina

Zur Person

Erich Kirchler ist Professor am Institut für Wirtschafts­psychologie, Bildungs­psychologie und Evaluation der Universität Wien. Er führte diverse Studien durch, die sich mit der Wahrnehmung und Akzeptanz des Euro befassten.

  • Kirchler: "Man kann in jedem Fall auch heute noch sagen: Es hält sich zäh der Gedanke, der Euro hätte zu Teuerungen geführt."
    foto: kirchler

    Kirchler: "Man kann in jedem Fall auch heute noch sagen: Es hält sich zäh der Gedanke, der Euro hätte zu Teuerungen geführt."

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