Weltuntergang im Hardcore-Format

11. Mai 2006, 18:00
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Graz zeigt mit Erfolg György Ligetis Anti-Anti-Oper "Le Grand Macabre" unter der Regie von Barrie Kosky

Graz – Da schwappt vor lauter Dünnschiss schon mal die Kloschüssel über und werden Leichenrippchen und Nasenpopel verspeist. Zwischenmenschliches findet vorzugsweise über Kopulationsvarianten statt. Nein, an Deftigem gebricht es diesem von der Komischen Oper Berlin nun nach Graz geholten Le Grand Macabre nicht. Aber schließlich steht der Weltuntergang bevor, und da darf an diesem imaginären Ort, "Breughelland" genannt, ordentlich geferkelt werden.

Dass es dabei nicht immer jugendfrei zugehen kann, versteht sich von selbst. Eine "gefährlich-bizarre, ganz verrückte" Anti-Anti-Oper hatte György Ligeti im Sinn, angesiedelt zwischen mittelalterlichem Totentanz und groteskem Grand Guignol. Ein grimassierend-burleskes Loblied auf die Lebenslust und die großmäuligen Untergangspropheten. Aus einem Leichenberg entsteigt Nekrotzar und verkündet als Großer Makabrer die Zerstörung der Welt.

Seine Versoffenheit verhindert schließlich Schlimmeres, sodass er zugrunde gehen muss, während alle anderen sich schon anderswo (im Himmel?) wähnen. Regisseur Barrie Kosky und Ausstatter Peter Corrigan kosten den höllischen Schwank mit teils stilisiert-einfachen, teils überzeichnenden Mitteln aus.

In den Ausweidungsszenen nehmen beide ebenso genüsslich wie ungeniert Anleihen an der Splatterfilm-Ästhetik eines Clive Barker oder George A. Romero. Die szenischen Begebenheiten finden ihre Entsprechungen in einer Partitur, deren Tonfall sich bisweilen genauso grotesk, ironisch, manchmal furchterregend-dämonisch ausnimmt. Arg verzogene parodistische Anklänge an (vermeintlich) Wohlvertrautes aus Barock und Klassik bis zu Offenbach alternieren mit strenger Zwölftontechnik, flirrenden Klangfeldern und grellen Geräuschen.

Greller Popanz

Tadellos das Ensemble: Martin Winkler gestaltet seinen Makabren als grellen Popanz und blutgeiles Ungeheuer zugleich, bedrohlich und intensiv. Manuel von Senden verleiht dem Piet vom Fass Züge eines Leichen schändenden Leporello; David McShane als Astradamor darf im Verband mit seiner geilen Gattin Mescalina (Michaela Lucas) auf einen köstlich herausgespielten Sadomaso-Trip.

Nicht minder schrill Countertenor Andrew Watts als Torten fressender Kindfürst Go-Go und Hyon Lee in der Doppelrolle als Kleinmädchen-Venus und schwerste Koloraturen trällernder Chef der Geheimen Politischen Polizei. Johannes Stert am Dirigentenpult leistet Feinarbeit und holt alles, was an Stimmungswechseln möglich ist, aus dem Orchester heraus. Das Grazer Publikum fand an diesem makabren Weltuntergangspanoptikum mehr Vergnügen als vielleicht erwartet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)

Von Peter Stalder

Termine

12., 18., 21. und 24. Mai

  • Artikelbild
    foto: oper graz
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