Identität durch Weltschmerzgesänge

19. Mai 2006, 23:08
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Ein Gespräch mit der kapverdischen Sängerin Cesaria Evora, die im Wiener Konzerthaus gastierte

Wien – Fotografiert werden möchte sie nur ohne Zigaretten. Offenbar, um sich gewissermaßen selbst keine Schand' zu machen, denn an sich wolle sie sich das Rauchen abgewöhnen. Und auch auf die Feststellung, keinen Alkohol mehr zu trinken, legt sie Wert. "Seit 1994", hält sie nachdrücklich fest. Mit ihrer Abneigung gegenüber Schuhwerk für die Bühnenarbeit steht es hingegen unverändert: Das werde ihr wohl bleiben, sagt sie.

Tja, auch wenn das mediale Bild Cesaria Evoras als kettenrauchende, Whiskey trinkende Barfuß-Sängerin nicht mehr so ganz funktioniert; die bald 65-Jährige, deren dunkle Schmachtstimme seit dem Album "Miss Perfumado" die Kapverdischen Inseln auf die Landkarte der westlichen "World Music"-Community setzte, und deren sehnsuchtsvolle Mornas zum Synonym der von Armut, Emigration, Trennung und Sehnsucht geprägten insularen Identität geworden sind, sie ist dieselbe geblieben. Evora würde auch nie etwas anderes zulassen.

"Der Erfolg hat mich nicht verändert", meint sie. "Ich lebe immer noch in derselben Stadt, spreche mit denselben Menschen. Früher habe ich dort in den Bars, auch auf den Schiffen gesungen. Jetzt singe ich eben mehr im Ausland." Sitzt man Evora, der Frau mit den – weniger von einer kurzen Nacht als von einem langen Leben – müden Augen und dem warmen Blick gegenüber, so kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, mit einer sympathischen Großmutter von der Zwölferstiege zu parlieren.

Ob das Image der Mornas als "Seele der Kapverden" nicht auch ein Klischee sei? "Natürlich gibt es auch andere Dinge. Aber in der Morna spiegelt sich das tägliche Leben der Kapverden: Liebe, Emigration, das Meer, ein bisschen Politik – das ist meine Erfahrung", so Evora, die in ihrer Biografie – dreimal verheiratet, Familie u.a. nach Kanada und Frankreich verstreut – tatsächlich das Schicksal der Kapverdianer mitverkörpert.

Warum denn das westliche Publikum, ohne die Texte zu verstehen, die melancholischen Mornas als Projektionsfläche für ihre zivilisatorische Weltschmerzbedürfnisse benötige? "Ich habe die Leute vieles über die Mornas sagen hören", lautete die Antwort. "Etwa, dass sie beim Hören weinen mussten oder sie als Begräbnismusik verwendeten. Die Leute hören meine Musik und finden darin etwas, was mit ihrem Leben zu tun hat ..." So richtig taut Evora freilich auf, wenn sie auf alltägliche Dinge zu sprechen kommt. Etwa auf ihren Afro, den sie sich von einem Friseur im Barbès-Viertel in Paris hat zwirbeln lassen.

Oder ihre Enkeln, von denen der ältere so gerne Fußball spielt. Ja, die nette Dame von nebenan. Die dann fast überraschend tatsächlich die Bühne des Großen Konzerthaussaals betritt und enthusiastisch gefeiert wird. Nach zwei routiniert abgespulten Stunden, gefüllt vor allem mit lebhafteren Coladeiras der aktuellen CD "Rogamar" wie auch einigen der legendären früheren Morna-Hits wie "Sodade", ist klar, dass selbst eine noch immer großartige Weltschmerzstimme allein nicht immer ereignishaft sein muss.

Vor allem dann, wenn Saalakustik und fehlende Übersetzung der Liedtexte Barrieren bedeuten. Die kokette Zigarettenpause auf offener Bühne beweist: Das mit dem Abgewöhnen dauert noch eine Weile. Evora ist auch in Wien Cesaria Evora geblieben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)

Von
Andreas Felber
  • Sängerin Cesaria Evora, Besuch von den Kapverdischen Inseln
    foto: standard/newald

    Sängerin Cesaria Evora, Besuch von den Kapverdischen Inseln

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