"Rom, offene Stadt"

11. Mai 2006, 17:00
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Über "Neorealismus" hinaus: Roberto Rossellinis Poesie der Menschlichkeit mit ihrem nüchternen Idealismus

Wenn es so etwas wie die Poesie der Menschlichkeit geben sollte, dann in Roberto Rossellinis nach wie vor begeisterndem Drama "Roma, città aperta" von 1945. Es ist dies nicht nur ein überaus realistisch wirkender Film über die Resistenza, den italienischen Widerstand gegen die deutschen Nazi-Besatzer in Rom, sondern ein Propagandafilm ganz eigener Art. Denn Rossellini und seine Drehbuchschreiber, darunter Fellini, teilen die Welt nicht in gute Italiener und schlechte Deutsche ein. Sondern in Verbrecher und in Alltagsmenschen, die in entscheidenden Momenten und ohne viel Aufhebens das Richtige tun. Das wird deutlich, wenn sich zuletzt die deutschen Wehrmachtssoldaten weigern, den im Widerstand tätigen Priester Don Pietro (Aldo Fabrizi) hinzurichten, und ihn ein wutentbrannter SS-Offizier darauf mit einem Kopfschuss ermordet. Oder wenn Don Pietro vor dem grausig durch die SS gefolterten Giorgio Manfredi, einem hohen Funktionär der Resistenza, sitzt – Rossellini zitiert wie so häufig in diesem Film einen gängigen Archetyp der Kunstgeschichte – hier die Pietà, allerdings mit einem Priester statt der Maria und einem Kommunisten statt Jesus Christus.

So ist "Roma, città aperta" ein Propagandafilm, der mit einem völlig nüchternen und deshalb umso stärker wirkenden Idealismus auf dem Guten im Menschen beharrt. Der behauptet, dass jenseits von Bildung und Herkommen jeder weiß, was richtig und falsch ist – und dass er deshalb, wenn es darauf ankommt, auch ein Held sein kann.

Dieses Pathos und dieses Engagement wären unerträglich, würden sie im Verein mit Gefühligkeit und Kitsch auftreten. Doch Rossellini ist ein so lakonischer wie formstrenger Filmemacher, der die großen Effekte zwar einsetzt, aber den Zuschauer letztlich vor den eigenen Gefühlen schützt. Wenn die schwangere Pina (Anna Magnani) auf der Straße erschossen wird, gibt Rossellini eben nicht der Versuchung zum Melodram nach. "Es ist nicht schwer, gut zu sterben, aber es ist schwer, gut zu leben", sagt Don Pietro und formuliert damit das Thema, das dem ganzen Film zugrunde liegt.

Als Meisterwerk des "Neorealismus" ist "Roma, città aperta" in die Kunstgeschichte eingegangen. Doch die kalte Sachlichkeit dieses Begriffs lässt kaum etwas davon ahnen, dass mit dem SS-Mann Bergmann und dem Priester Don Pietro nicht nur das Duell zwischen Mephistopheles und Faust eine Neudeutung erfahren hat, sondern dass hier zwei Menschen aufeinander treffen, die sich schlicht nichts zu sagen haben. Weil der eine die vom anderen beschworene Poesie der Menschlichkeit endgültig verraten hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)

Von
Reinhard J. Brembeck
  • Artikelbild
    foto: sz
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