Gunnel Linde: "Wie eine Hecke voller Himbeeren"

11. Mai 2006, 17:00
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Aufgeklärtes Schweden der Siebzigerjahre: Erste Liebe als Lehrstück des Lebens, als Sensation an sich

"Du darfst am Wasser gehen" – mit kleinen Gesten zeigt Pelle der Freundin Sylvia seine Zuneigung. Beide sind dreizehn, besuchen dieselbe Klasse und erleben ihre erste Liebe. Als aufgeklärte schwedische Kinder der späten Siebzigerjahre wissen sie, dass diese große Liebe nicht ihre einzige und nicht ihre letzte sein wird – aber sie ist ein Wunder, eine Freude, eine elementare Erfahrung auf dem Weg zum anderen und zu sich selbst.

Sylvia erzählt uns die zwei Jahre währende Liebe zu Pelle, der uns dabei ebenso vertraut wird wie sie. Die raubeinige Annäherung in der Klasse, der erste Kuss, die Auseinandersetzung mit beiden Eltern, tausend kleine Tricks und Missverständnisse – alles das erste Mal, alles in einer intakten Umgebung: so darf Sylvia ihre erste Begegnung mit Liebe, Sexualität, Eifersucht und eben auch Untreue, Liebeskummer und Abschied erleben. Denn die erste Liebe braucht keine Sensationen, sie ist die Sensation.

Gunnel Linde baut die Dramaturgie der Handlung sorgsam – wie ein beiläufiges Geschehen – auf. Der neue Schüler Pelle ist eine Attraktion, die reiche Freundin zeigt, wie man es nicht machen soll, die fröhliche Mutter erlaubt den Mut zum Risiko, in der trüben Stunde des Abschiedsschmerzes hilft die bisher unverstandene Schwermut des Vaters: Die erste Liebe wird ein Lehrstück des Lebens.

Meisterhaft stellt die 1924 geborene, international anerkannte und preisgekrönte Vertreterin der skandinavischen Jugendliteratur die Balance zwischen der subjektiven Sicht Sylvias, den objektiven Tatbeständen ihres Erlebens und Lindes eigenen Botschaften her: Verhütungsmittel erscheinen zunächst bei der Freundin, dann als nicht präsente Vorsorge zur unrechten Zeit, danach als gut geplanter Begleitumstand, der – leider – nicht gebraucht wird. Denn hier handelt es sich um ein verliebtes junges Mädchen, nicht um ein Aufklärungsmodell. Es geht um den schönen, lustigen, begehrenswerten Pelle, um nichts anderes. Die Irrtümer, die Sylvia unterlaufen, sind ihr keineswegs immer klar. Wer ihren Bericht liest, weiß vom Verlauf ihrer Liebe mehr als sie und darf auch öfter voller Mitgefühl lachen.

Zur Zeit der Veröffentlichung in Schweden 1977 war eine Liebesgeschichte zwischen Dreizehnjährigen zwar kein moralisches, aber, für diese Altersgruppe geschrieben, sehr wohl ein literarisches Wagnis. Dabei sind Pelle und Sylvia Kinder ihrer Zeit: der großen, erfolgreichen Ära weiblicher Selbstverwirklichung. Bei Gunnel Linde kommt sie durch eine Himbeerhecke und duftet süß nach Jugend und nach Pelle. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)

Von Birgit Dankert
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