Dick Francis: "Rufmord"

11. Mai 2006, 17:00
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Tod auf der Rennbahn: Unaufgeregtheit und Fair Play, angeblich auf ausdrücklichen Wunsch der Queen Mum

Mit dem britischen Schriftsteller Dick Francis würde man sich sofort auf ein Pint verabreden, denn wer wie Francis auf eine so erstaunliche Biografie zurückblickt, hat ganz sicher etwas zu sagen. Was aber nicht bedeutet, dass er nicht auch berauschend schreiben kann. Er hat sein erstes Buch 1962 und das bislang letzte vor sechs Jahren veröffentlicht. Fast 40 Krimis sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mehr als 70 Millionen Mal verkauft worden. "Rufmord" erschien 1964.

Ein Jockey erschießt sich vor einem Rennen. Von diesem Moment an wird dieser Fall mit der für Francis typischen Unaufgeregtheit aufgerollt. Im klassischen Sinne handelt es sich dabei nicht einmal um einen Fall. Es ist vielmehr so, dass ein anderer Jockey, der Ich-Erzähler Robert Finn, seinen Verstand anstrengt, dass er entscheidende Fragen stellt, dass er handelt und am Ende das Geheimnis lüftet, das auch ihn gefangen hielt. Denn beginnend mit dem Selbstmord eines ihrer Besten wird die mittelenglische Jockeyszene von Cheltenham, Dunstable und Stratford-on-Avon schwer unter Druck gesetzt.

Der eine braucht einen Psychiater, der andere ist verschuldet, noch einer wird verdächtigt, seine Rennen zu manipulieren. Robert Finn scheint vom Unglück der anderen zu profitieren. Doch er ist ein Sohn aus gutem Hause mit einer unbestechlichen Einstellung zum wichtigsten moralischen Wert der englischen Klassengesellschaft: dem Fair Play.

Dick Francis wurde als Sohn eines Rennstallbesitzers in Südwales geboren und ritt als Jockey die Pferde der Queen Mum. Er war einer der besten und gewann 350 Hindernisrennen. Doch bei seinem wichtigsten, dem Grand National, stürzte er in der führenden Position kurz vor dem Ziel. Er war 37 und konnte nie wieder reiten.

Er wurde Pferdesportjournalist und dann, angeblich auf ausdrücklichen Wunsch der Königinmutter, auch Schriftsteller. Francis hat das Pferdesportmilieu, das er liebevoll und immer gut ausrecherchiert beschreibt, literarisch nie verlassen. Seine Geschichten sind nicht spektakulär, sie idealisieren charmant die englische Lebensweise, spielen mit Ironie und Schicksal und lassen Helden immer als Antihelden auftreten. Doch erst die Beiläufigkeit, die Dick Francis zum Stilprinzip erhoben hat, entfaltet im reduzierten Klang der Sprache den Zauber seiner Bücher. "Rufmord" heißt im Original "Nerve", was frei übersetzt "Schneid" bedeutet. Um den Schneid, den ein bekannter Pferdesportmoderator nicht hat, geht es, um die tödlichen Folgen einer inszenierten Fernsehrealität, um Kampagnenjournalismus. "Rufmord" ist eine frühe, leise vorgetragene Medienkritik, fast kein Krimi, obwohl die Hauptfigur, der besonnene Jockey Robert Finn, der die Polizei nicht sonderlich schätzt, sehr kriminalistisch vorgeht.

Als sich Finn, dem Tode nicht mehr fern, mit letzter Kraft befreien kann und ein Taxi besteigt, ruft der Fahrer mit Blick auf die durch Handschellen blutig gescheuerten Handgelenke: "Jesus Christus." "Ja ja", antwortet Robert Finn, "treffend ausgedrückt". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)

Von Christopher Keil
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