Jeder ist sich selbst der Nächste

29. Jänner 2007, 14:44
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Erste Hilfe im Gesundheitswesen fehlt - zwanzig Jahre nach der Ottawa Charta scheitern gemeinsame Lösungen noch immer an Eigeninteressen

Es war vor zwanzig Jahren als international die Ottawa Charta als gesundheitspolitisches Grundsatzpapier verfasst wurde. Die Ziele von 1986: Eine vorausplanende Vorsorgepolitik, eine umfassende Aufklärung des Einzelnen und eine Neuorientierung der Gesundheitsdienste.

Papier ist geduldig und zurück in Österreich dauerte es zwölf weitere Jahre bis 1998 die nationalen Vorraussetzungen zur Umsetzung geschaffen wurden: das aktuelle Gesundheitsförderungsgesetz trat in Kraft und der Fonds Gesundes Österreich wurde geschaffen. Darauf folgten acht erfolgreiche Jahre der Bewusstseinsbildung.

Eigenvorsorge boomt

Heute ist der "Gesundheitswert" unbestritten in der Bevölkerung verankert. Streitpunkt bleibt hingegen die finanzielle Verantwortlichkeit. Wer kann, nimmt die eigene Gesundheit selbst in die Hand. Mit Zusatzversicherungen und Ernährungsberatung, Functional Food und Fitnessprogramm wird Geschäft gemacht. Das Gerangel um die private Leistung ist verständlich. Der daraus entstandene Gesundheitsmarkt boomt. Wachstumsraten bis in den zweistelligen Prozentbereich werden prognostiziert.

Abstriche bei Kassenleistungen?

Weniger rosig ist das Bild im öffentlichen Raum. Die Gesundheitsausgaben erhöhen sich laut Statistik Austria seit 1997 kontinuierlich. Sie liegen zwischen "geringen" zwei Prozent im Pflegebereich bis zur satten Steigerung von knapp sieben Prozent im Jahr bei medizinischen Erzeugnissen, Geräten und Ausrüstungen .

Vorsorgen statt ausbauen

Nicht zuletzt deshalb ist die Gesundheitspolitik um Vorsorge, Dezentralisierung und Rationalisierung bemüht. Geld dafür gibt es zu wenig, obwohl der Wille in Zahlen spürbar wäre: Die Ausgaben für präventive Maßnahmen stiegen von 1996 bis 2001 um 31 Prozent.

Auch die Sozialversicherungsträger wissen, dass alternative Konzepte gebraucht werden. Denn die Frage welche Leistung unbedingt bezahlt werden muss und was als Selbstbehalt tragbar erscheint ist das akute Konzept des Löcherstopfens. Die dauerhafte Lösung zur finanziellen Erhaltung des Gesundheitssystems bleibt aus.

Ärztekammer gegen Apotheker

Das aktuelle Beispiel im Gerangel zwischen Geld, Politik und mediale Aufmerksamkeit ist der Schlagabtausch zwischen der Österreichischen Ärztekammer und der Österreichischen Apothekerkammer. Während die Ärzte mit der "Vorsorgeuntersuchung neu" die Menschen zum Arzt locken wollen, versuchen zeitgleich die Apotheker in Wien und Niederösterreich möglichst vielen den schnellen Vorsorge-Check in der Apotheke schmackhaft zu machen.

Unterschiedliche Zahlen statt gemeinsame Aktionen

Die Presseaussendungen der beiden zeigen das gegenseitige "Hick-Hack" im Detail: Obwohl der Ärztekammerpräsident Walter Dorner weiß wie schwierig es ist, die Wiener zur Vorsorge zu bringen, lässt er den Erfolg der 30.0000 Teilnehmer an der Apotheker Aktion "10 Minuten für die Gesundheit" nicht gelten. Denn nur 35 der Untersuchten fanden den Weg in eine Arztpraxis. "Das kann nicht sein", kontern die Apotheker, "da bei 600 Patienten manifester Diabetes entdeckt wurde", so Dr. Harald Kritz, der wissenschaftliche Leiter der Apotheker Aktion in seiner Stellungnahme. Diese Betroffenen werden sicherlich ärztlich betreut.

Jeder ist sich selbst der Nächste

Die mögliche Motivation dahinter könnte mehr im Finanziellen als im Besorgten zu finden sein. Denn die Ärztevertreter möchten klargestellt wissen, "dass die Apotheker Aktion keinesfalls die eingesetzten finanziellen Mitteln rechtfertige." Sie hätten sich eine gemeinsame Lösung gewünscht. Die Apotheker ihrerseits lassen die Medien wissen, dass die erfolgreiche Aktion im Oktober österreichweit fortgesetzt werden soll. Finanzielle Unterstützung gibt es vom Gesundheitsministerium, der Gebietskrankenkasse, dem ORF und mehreren Pharmaunternehmen.

Nur gemeinsames Handeln bringt Lösungen

Ziel der Ottawa Charta vor zwanzig Jahren war gemeinsames Handeln aller im Gesundheitswesen Tätigen. Denn es muss "gemeinsam darauf hinarbeiten werden, ein Versorgungssystem zu entwickeln, das auf die stärkere Förderung von Gesundheit ausgerichtet ist und weit über die medizinisch-kurativen Betreuungsleistungen hinausgeht."

Gesundheit ist ein überparteilicher Wert

Mit dem Spiel der kleinen Eitelkeiten wird das nicht realisierbar sein. Noch können es sich Interessensvertreter und Politiker leisten eigene Standpunkte über die Gesamtverantwortung zu stellen. Gesundheit ist aber ein überparteilicher Wert , der es auch verdient in diesem Kontext zu agieren, um weitsichtige Lösungen zum Wohl aller zu finden.(nia)

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Ottawa Charta

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Statistik Austria
Gesundheitsausgaben

  • Öffentliche und private Gesundheitsausgaben (in Prozent vom BIP) in  der OECD 2004
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    Öffentliche und private Gesundheitsausgaben (in Prozent vom BIP) in der OECD 2004

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