Sich die Kante geben

6. Juni 2006, 15:30
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"Abseiling" ist nur eine von vielen Outdoor-Aktivitäten, mit denen die Insel Gozo aufwartet

Worauf die Gozitaner noch stolz sind, erkundete Markus Böhm auf der kleinen Schwesterinsel von Malta.

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Ein würziger Thymianhauch liegt in der Luft. Es ist Ende April. Die Frühlingssonne taucht die Bucht von Dwejra im Westen der Insel Gozo in grelles Licht. Die Temperatur in der Felswand lässt erahnen, wie heiß es auf der kleinen Schwesterinsel Maltas im Sommer werden kann. Noch präsentiert sich die Vegetation hier in vollem Saft. Es grünt und blüht allerorts. Der Wind ist vor allem in den Abendstunden kühl. Das Frühjahr ist somit die beste Zeit für Outdoor-Aktivitäten.

Von der Felswand, die die Bucht begrenzt, hat man einen guten Ausblick auf den "Inland Sea", ein Salzwasser-Reservoir, das aufgrund eines Durchbruchs in den Klippen mit dem offenen Meer verbunden ist. Weiter entfernt, vor der Küste, ist der so genannte "Fungus Rock" zu sehen, der seinen Namen von einem besonderen Schwammerl hat, das auf ihm wächst. So schön die Aussicht auch ist, die Perspektive, eventuell auf die harte Wiese am Fuß der Felswand zu knallen, ist weniger berauschend und treibt den Wagemutigen, die sich hier zum "Abseiling" eingefunden haben, die Schweißperlen auf die Stirn. Vor ihnen geht es gut zwanzig Meter senkrecht bergab. Mit einem Seil gesichert, schutzbehelmt und mit fachkundiger Führung gilt es, die Angst zu überwinden und rücklings über die Kante zu hüpfen.

Nervenkitzel

Der Nervenkitzel lässt sogar den Sonnenbrand vergessen, den man sich tags zuvor bei der Jeep-Safari geholt hat. Vor allem der rechte Unterarm ist unnatürlich rot, was wohl daran liegt, dass man ein rechtsgesteuertes Fahrzeug gelenkt hat und die ungeschützte Gliedmaße allzu lässig aus dem Autofenster baumeln ließ. Selbst als Mitteleuropäer gewöhnt man sich rasch an den Linksverkehr, den die Briten, ebenso wie ihre Sprache und andere Sitten, den Maltesern vererbt haben. Diese sagen, nicht ohne eine gehörige Portion Selbstironie: "Malteser fahren nicht rechts und auch nicht links, sondern dort, wo Schatten ist." Allerdings in "Malti", ihrer fremdartigen, semitischen Landessprache, deren Ursprung angeblich auf die Phönizier zurückgehen soll, arabisch klingt und mit Italienisch, Französisch und Englisch angereichert ist. Geschrieben wird in lateinischen Buchstaben.

Über Straßen, deren Oberflächenbeschaffenheit mit hiesigen Güterwegen vergleichbar ist, in dementsprechend gemächlichem Tempo geht es vorbei an Feldern, Feigenkakteen, die hier wie Unkraut wuchern, Kalksandsteinbrüchen, kleinen Schaf- und Ziegenherden, durch Ortschaften mit südländisch-arabischem Flair, durch enge Gassen, umstanden von aus Kalksandsteinquadern errichteten Häusern, die in einem an Honig erinnernden Farbton schimmern - einem Farbton, der die ganze Insel prägt.

"Marija"

Eigentümlich ist, dass jedes Haus einen Namen trägt. Es finden sich Bezeichnungen wie "Marija" oder "St. Peter", die auf den ausgeprägten Katholizismus der Bevölkerung hinweisen - immerhin gehen achtzig Prozent jeden Sonntag in die Kirche. Daneben sind auch profane Namen zu finden, die entweder auf den Musikgeschmack des Eigentümers ("Pink Floyd") oder auf dessen Affinität zu fremden Kontinenten ("Australia") hinweisen.

Egal, welche Straße man nimmt, an Victoria, der Hauptstadt der Insel, die auch unter ihrem alten Namen Rabat bekannt ist, kommt man nicht vorbei. Von diesem zentralen Punkt gelangt man innerhalb von zehn Minuten locker an jeden Ort Gozos. Schließlich hat die zweitgrößte Insel der Republik Malta nur eine Fläche von rund 67 Quadratkilometern. Etwa 30.000 Menschen leben auf ihr. Man sollte aber auf keinen Fall den Fauxpas begehen, und sie als Malteser bezeichnen. Denn die Gozitaner sind stolz auf ihre eigene kleine Insel - und auf ihren Glauben (aber da unterscheiden sie sich nicht vom Rest der Republik): Wie aus dem Nichts tauchen, sozusagen mitten in der "Prärie", Kapellen, Kirchen, Dome auf. Über 365 sind es auf ganz Malta - finanziert aus Spenden, denn Kirchensteuer gibt es dort zu Lande nicht.

Einzige Ampel

Ebenso plötzlich steht man vor der einzigen Ampel der Insel. Ihre Inbetriebnahme soll ein veritables Volksfest gewesen sein, auch wenn ältere Einwohner, die noch aus Gewohnheitsrecht fahren, anfangs nicht so recht gewusst haben sollen, welchen Zweck sie hat.

Ausgedehnte Sandstrände sucht man auf Gozo vergeblich. Die Küsten sind zum Großteil felsig, steil und schroff. Die Kräfte der Natur gaben dem Kalksandstein mancherorts bizarre Formen. Eine Ausnahme bildet die "Ramla Bucht", unweit der aus den Werken Homers bekannten Höhle der Calypso, deren Strand mit feinem rotem Sand bedeckt ist. Um diese Jahreszeit tummeln sich hier nur wenige Menschen, in der Mehrzahl Einheimische. Eine Marienstatue mitten am Strand wacht über die Badenden. Dermaßen beschützt, lässt sich auch die Angst vor dem Abstieg überwinden. Und das zweite Mal "Abseiling" ist dann schon ein Kinderspiel. (Der Standard/rondo/12/05/2006)

Anreise: z. B. mit der Lauda Air

Fremdenverkehrsamt Malta: Tel.: 01 585 37 70, Urlaub Malta

Abseiling / Bernard Bonnici: Malta Outdoors

Unterkunft: Kempinski San Lawrenz

Farmhouse
  • Die Küsten Gozos sind steil und schroff, das erfreut die Kletterer
    foto: kempinski

    Die Küsten Gozos sind steil und schroff, das erfreut die Kletterer

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