Musikrundschau: Party-Sounds für böse Kinder

19. Mai 2006, 23:08
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Neue Alben von Spank Rock, Eagles of Death Metal, den Mystery Jets, den Red Hot Chili Peppers und den Chicken Lips

SPANK ROCK
Yoyoyoyoyoyo
(Big Dada/Soul Seduction)
HipHop muss nicht langweilig sein. Der MC aus dem US-amerikanischen Baltimore mit der hochgefahrenen Mickey-Mouse-Stimme feiert mit diesem Albumdebüt und avantgardistischen und experimentellen Computerkonsolen- und Techno-Beats wie auch die Aufmerksamkeitsspanne erheblich belastenden Drillbohrer-Sounds genau das, was dem Genre leider mehrere Jahre fehlte, wenn es beim Juwelier Goldketten-Shoppen ging. Deshalb auch angesichts der fantastischen Single Rick Rubin eine uneingeschränkte Empfehlung. Oder wie es die britische Tageszeitung The Guardian auf den Punkt brachte: "Kinder, wenn ihr wollt, dass euch eure Väter für endgültig durchgeknallt halten, dann dreht bei dieser Platte auf volle Lautstärke!" Weit draußen. Samples von neuer kammermusikalischer E-Musik, Techno, Grime und Computer-Konsolen-Games inklusive.

EAGLES OF DEATH METAL
Death By Sexy . . .
(Downtown/Import)
Der gegenwärtig relevanteste Rockmusiker, Josh Homme von den Queens Of The Stone Age, legt als Schlagzeuger gemeinsam mit seinem Schulfreund Jesse "The Devil" Hughes als Frontmann nach dem Debüt Peace, Love & Death Metal aus 2004 mit dem programmatischen Death By Sexy ein würdiges Nachfolgeprodukt im Zeichen derben, ordinären und charmant-ordinären Boogie-Rocks vor. Jesse Hughes gibt den einer Fotosession von Terry Richardson entsprungenen, ironisch gebrochenen Sexgott und Pornorocker aus der Motorradwerkstatt, inklusive Schnauzbart und Krankenkassenbrille. Er heult mit Fistelstimme allem hinterher, was sich in Stöckelschuhen nicht schnell genug auf die Bäume retten kann. Das klingt metallisch aufgeraut so, als ob man T. Rex-Sänger Marc Bolan im Schritt mit Akupunkturnadeln quälen würde. Erhöhter Spaßfaktor. Rettet jede müde Party. Anspieltipps: I Want You So Hard, Cherry Cola oder Don't Speak (I Came To Make A Bang!).

MYSTERY JETS
Making Dens

(679/Import)
Die junge Band stammt aus einer alten Hippie-Kommune auf einer London vorgelagerten Themse-Insel und verschränkt auf wunderbare Weise die Tatsache, dass sich heutige britische Jungspatzen gern die Musik ihrer Eltern anhören. Weil: Generationenkonflikt - Ende in Sicht! So spielen nicht nur Vater-Bulle und Jung-Stier gemeinsam in dieser grundsympathischen Partie. Auch die Songs klingen so, als ob man unter Beifügung zarter Sixties-Psychedelic heute alte New-Wave-Bands wie XTC und deren kantig-keltisches Folk- und Kunst-Pop-Songwriting reanimieren und mit heutigen Sounds auffrischen wollte. Sehr britisch und wahrscheinlich außerhalb auf dieses Genre eingeschworener Zirkel kaum verkäuflich, aber: Gerade auch der mehrstimmige, freundliche Chorgesang überzeugt.

RED HOT CHILI PEPPERS
Stadium Arcadium

(Warner)
Die kalifornischen Funk-Pop- und Singalong-Kinderreim-Götter und Rock-Superstars wollen es mit diesem Album aber wissen. 28 neue Songs, aufgeteilt auf zwei, Jupiter und Mars betitelte CDs beinhaltet diese Sammlung. Und abgesehen von einigen Längen, also mindestens der Hälfte der Songs, erleben wir Sänger Anthony Kiedis und Co. unter der Produktionsregie von Rick Rubin, nun ja, so wie immer. Funk, Balladen, eine eklektizistischer als gewöhnlich ausfallende Gitarrenarbeit von John Frusciante inklusive über Gebühr strapazierter Soli zwischen Jimi Hendrix und Jimmy Page, dazu das ewige naive Sehnen der Peppers nach dem untergehenden Traumland Kalifornien und nach Frauen, zu denen man nicht Mutti sagt, ergeben zwar keinen dritten Frühling. Für eine solide Leistung sorgt das alles aber allemal.

CHICKEN LIPS
Making Faces

(Adrift Records/ Soul Seduction)
Andy Meecham und Dean Meredith wurden in den 90er-Jahren als Bizarre Inc. und einigen Club-Hits wie I Gonna Get You oder Love In Motion im erweiterten House-Umfeld bekannt. Mit dem Sänger Johnny Spencer wird jetzt eine Form von flauschiger Disco-Rock-Musik generiert, die sich einerseits auf aktuellere französische Sounds von Phoenix, Motorbass oder Daft Punk beruft. Andererseits klingen Songs wie Hot Love auch so wie alte Errungenschaften der international verdienten österreichischen Disco-Könige Supermax, wenn diese statt Reggae mehr luschige Schnupftabak-Pop-Eklektiker wie Steely Dan gehört hätten. Manchmal macht diese historisch sichtende Musik wegen ihrer Abgeklärtheit Angst. Oft ist man schlichtweg begeistert. Der faule Willi aus der Biene Maja als Ausdruckstänzer. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)

  • EAGLES OF DEATH METAL Death By Sexy . . . (Downtown/Import)
    foto: downtown

    EAGLES OF DEATH METAL
    Death By Sexy . . .
    (Downtown/Import)

  • MYSTERY JETS Making Dens (679/Import)
    foto; 679

    MYSTERY JETS
    Making Dens

    (679/Import)

  • CHICKEN LIPS Making Faces (Adrift Records/ Soul Seduction)
    foto: adrift records

    CHICKEN LIPS
    Making Faces

    (Adrift Records/ Soul Seduction)

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