Heim für den Herd

31. Oktober 2006, 18:38
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Im Rahmen der Mailänder Möbelmesse findet im Zweijahresrhythmus die Küchenschau "Eurocucina" statt

"Die Küche bei uns zu Hause", schrieb Gestalter Otl Aicher, "ist glücklicherweise nicht so beschaffen, dass sie fix und fertig unveränderbar hingestellt wurde. Wir experimentieren ständig und verändern, wo wir es richtig finden." In seinem Buch "Die Küche zum Kochen" fasste Aicher 1982 eigene Erfahrungen, aber auch Befragungen von Profiköchen zusammen. Er wollte die Küche von ihrem Schattendasein am Rande der Wohnung lösen, ihr mehr Gewicht geben.

Nicht mehr zur Wand hin, sondern in den Raum sollte sie sich orientieren. Ihre öden Schrankzeilen sollten aufgelöst werden. Die Erfordernisse der Essenszubereitung sollten orientierend wirken. Aicher stellte folgerichtig einen großen Arbeitstisch mit hölzerner Arbeitsplatte in die Mitte seiner Küche. Wie bei den Profis waren Messer, Töpfe, Siebe, Löffel, Schneidbretter und anderes unerlässliches Handwerkszeug für den Koch in Griffnähe um den Arbeitsplatz angebracht. Das Vorbild der Profiküche war geboren.

Aufräumen mit alten Vorstellungen

Sie räumte gleichermaßen mit der Küche als gemütlichem Treffpunkt von Familie oder WG und der durchorganisierten Zelle nach dem Vorbild der "Frankfurter Küche", die bekanntlich von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky für den sozialen Wohnungsbau der 20er-Jahre konzipiert wurde, auf. Der Fernsehkoch der 50er- und 60er-Jahre, der Toast Hawaii und fette Saucen anbot, war out. Die Nouvelle Cuisine wurde zum Vorbild. Irgendwie taugte plötzlich jeder zum Profikoch, solange die Ausrüstung stimmte.

Durchschreitet man heute ehrfurchtsvoll die riesigen Hallen der Eurocucina, der alle zwei Jahre im Rahmen der Mailänder Möbelmesse stattfindenden Küchenmesse, so scheint die "Küche zum Kochen" längst ein Auslaufmodell zu sein. An ihre Stelle tritt die Küche zum Repräsentieren. Ihre Fronten sind glatt und glänzend. Minimalismus ist zum beherrschenden Dogma geworden. Statt sichtbarer Griffe hat sie versteckte Leisten und dezent angebrachte Druckmechanismen, um Türen und Schubladen tatsächlich zugänglich zu machen. Stahl und edle Holzoberflächen dominieren. Flächenbündigkeit ist zum Selbstzweck geworden. In diesem stilprägenden Preissegment, in dem eine Küche so viel kosten darf wie ein Sportwagen, scheint nur eine Vorstellung gänzlich unerträglich: dass sie zum Zubereiten von Speisen dienen könnte. Und so hört man bei Küchenplanern von den kleineren, weniger edlen Zweitküchen, die, eher versteckt, tatsächlich zum Kochen genutzt werden. Ihre Ausstattung sucht man auf der Eurocucina vergebens.

Visuelle Leichtigkeit

Hier - und in den nicht minder noblen Showrooms in der Stadt - präsentieren sich die Nobelmarken und -manufakturen. Soeben hat Bulthaup einen Showroom in der Via Durini eröffnet und zeigt dort die Küche b3, die von Herbert Schultes nach den Prinzipien des Light-Design entworfen wurde: Besonders dünne Wandstärken von Schränken und Arbeitsplatten fallen sofort ins Auge. Doch die visuelle Leichtigkeit wird mit einer schweren Stahlkonstruktion erkauft, die, mit vielen Schrauben an der Wand befestigt, anschließend als variable Tragstruktur für alle nötigen Küchenschränke, Tische, Bänke und Utensilien dient.

Als Nonplusultra in Sachen Küchengestaltung kann jetzt schon "Terra" des bekennenden Minimalisten Claudio Silvestrin gelten. Es gibt sie mit Oberflächen aus Porphyr, libanesischer Zeder oder dem Halbedelstein Labradorit aus Madagaskar. Eingebaut sind unter anderem Küchengeräte der Marke Scholtès. Deren neueste Linie "Attitude" stammt von Designer David Lewis, Silvestrins minimalistischem Bruder im Geiste. Lewis ist Chefdesigner von Bang & Olufsen. Entsprechend fein und übersichtlich sind die Steuerelemente und Displays von "Attitude" gestaltet. Hier wird nicht für den reibungslosen Gebrauch von Töpfen und Pfannen gestaltet, das Ideal ist nicht mehr die kompakte Profiküche mit ihren Dämpfen, mit ihrer Notwendigkeit, schnelle, präzise Entscheidungen zu treffen, sondern das Steuerpult, die Kommandozentrale, wie sie einst Jacques Tati in seinen Filmen auf die Schaufel nahm.

Sciencefiction-Szenerie

In einer Sciencefiction-Szenerie der 60er-Jahre wähnt man sich bei Zaha Hadid. Die irakische Architektin und Designerin, die demnächst an der Bebauung des alten Mailänder Messegeländes beteiligt sein wird, stellte ihre Inselküche "Z. Island by DuPont Corian" vor. Hightech trifft hier Hightouch. Eine Besonderheit ist die Verschmelzung des Multimedia-Equipments, sowie der LED-Beleuchtung mit den Oberflächen aus dem Material Corian, einer Mischung aus natürlichen Stoffen und reinem Acryl-Polymer. In Hadids Küche wird man problemlos Musik hören und im Internet surfen können. Aber wer möchte in solcher Umgebung schon ein schnödes Spiegelei braten?

Zu den absoluten Vorbildern im Segment der "Küche zum Staunen" gehört die italienische Topmarke Boffi. Auch hier gibt es wieder eine Vielzahl von Verfeinerungen und Verbesserungen bestehender Programme. Besonders interessant ist aber die Neuauflage der mobilen Miniküche Carrellona, die Joe Colombo vor vierzig Jahren entwarf. Die Technik wurde aktuellen Standards angepasst. So hat die Miniküche nun ein Kochfeld aus Keramikglas und ein Äußeres aus weißem Corian. Alessi dehnt seine Strategie, in Kooperation mit anderen Herstellern in neue Felder einzudringen, nun auch auf die Küche aus. Zusammen mit Valcucine und anderen Partnern entstand die Alessi-Küche. Das Design stammt von Alessandro Mendini. Wer von ihm nur neue Dekorationen auf bekannten Formen erwartet hat, wird überrascht. Mendini lässt es nicht bei Intarsien in Holzfronten und bedruckten Glasfronten bewenden. Er schafft Kommunikationsinseln und gibt dem bewährten Spülbecken neue, dynamischere Formen. Doch insgesamt entsteht kein überzeugendes Bild. Die Alessi-Küche, ist weder ein Retro-Projekt, das die Vergangenheit von Alchimia und Memphis aufleben lässt, noch wirkt sie wirklich gegenwärtig. Sie fällt aus dem Schema des Küchenpurismus, ohne ein neues Feld überzeugend zu definieren.

Integration des iPod in die Küche von morgen

Woher auch sollen Innovationen in der Küche kommen? Bestehen sie in der Verschmelzung mit neuen Medien? So unvermeidlich wie albern: Eine Designstudie von Poggenpohl zeigt die Integration des iPod in die Küche von morgen. Doch wo bleiben neue Fragestellungen? Neue formale Lösungen für die Küche? Und doch, auch sie gab es in Mailand zu sehen. So präsentierte sich der japanische Elektronikhersteller Panasonic mit Entwürfen des Designchefs Toyoyuki Uematso und seines Teams. Gemäß der in Japan verbreiteten Vorstellung vom Universaldesign, entwickelten sie eine Reihe von Küchenmöbeln, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten sind. So werden leicht zugängliche Geschirrkörbe motorbetrieben in die üblichen Hängeschränke bewegt. Die Spüle ist so konstruiert, dass ein Stuhl bündig daruntergeschoben werden kann. Gemeinsam mit ihrem deutschen Berater Fritz Frenkler besuchten die japanischen Designer die Messe und informierten sich über die allseits hohen Qualitätsstandards. So neu deren Konzepte sind, so sehr müssen sie noch an den Feinheiten arbeiten, wollen sie ihre Küchen auch im europäischen Topsegment anbieten. Wie groß darf ein Logo sein, wie übersichtlich muss ein Display gestaltet sein, wie klar ein Detail gelöst: All diese Fragen ließen sich in Mailand am praktischen Anschauungsobjekt diskutieren.

Doch wer kocht überhaupt noch?

Und was braucht er dazu? Mike Meiré berät seit 1992 den Armaturenhersteller Dornbracht in kulturellen Fragen. Neben seinen Konzepten für Kunstförderung, Sponsorship und Mäzenatentum meldet sich Meiré immer wieder auch mit eigenen Installationsprojekten zu Wort, so auch in Mailand mit "The Farm Project". Anlass diesmal: die Markteinführung neuer Dornbracht-Küchenarmaturen. Auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs errichtete Meiré ein Haus im Haus, eine Küchenscheune, ummantelt mit Kupferblechen, Dämmplatten, Kunststoffen. Mittendrin eine Aicher'sche Kochinsel. An einer abgehängten Leiter aufgereiht: die wichtigsten Kochutensilien. Meirés Frau, eine ausgebildete Köchin, bekocht die Gäste. Die Rasterarchitektur der Scheune ist mit allerhand Fundstücken vom Flohmarkt bestückt. Neben ausgestopften Tieren gibt es lebendige Schweine und Schäfchen. Streichelzoo oder Schlachthaus im Kleinen? Gefeiert wird hier das einfache Leben auf dem Lande, das freilich so einfach auch wieder nicht ist. Bei aller Kritik, die Meirés Installation vorwirft, nicht sauber zwischen Kunst oder Kommunikation, Design oder Kitsch zu unterscheiden - spürt man hier eine andere Leidenschaft als die, alles glatt zu machen. Für kurze Zeit entsteht hier noch einmal die "Küche zum Kochen", ein "Ort der Arbeitsgeselligkeit", wie Otl Aicher das nannte.
(Der Standard/rondo/12/05/2006)

Thomas Edelmann besah sich Sciencefiction-Kochstellen, die neue Alessi-Küche und allerlei andere Hardware zur Essenszubereitung.
  • Eine von Alessandro Mendinis Entwürfen für Alessi.
    foto: hersteller

    Eine von Alessandro Mendinis Entwürfen für Alessi.

  • Detail des Küchensystems "b3" für Bulthaup.
    foto: hersteller

    Detail des Küchensystems "b3" für Bulthaup.

  • Hightech-Studie "Z. Island" von Zaha Hadid.
    foto: hersteller

    Hightech-Studie "Z. Island" von Zaha Hadid.

  • "Farm project" von Mike Meiré für Dornbracht.
    foto: hersteller

    "Farm project" von Mike Meiré für Dornbracht.

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