Gelegentlich irren auch die Urheber

11. Mai 2006, 18:02
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Podiumsdiskussion "im Kinsky" zur Geschichte und jüngsten Beispielen von Kunstfälschungen

Keiner will sie haben, und doch gehören sie weltweit zum Alltag des Kunstmarktes: Fälschungen. Ein Blick in die Geschichte und auf jüngste Beispiele anlässlich einer Podiumsdiskussion "im Kinsky".


Wien - Manche Anekdoten entlocken selbst Kennern noch ein Schmunzeln: Vor wenigen Wochen erhielt "im Kinsky" per E-mail ein Angebot aus Salzburg: In Jamaika stünde eine Zweitfassung von Gustav Klimts Kuss zum Verkauf. Die beigefügte Expertise von Christian Nebehay erklärte, warum (nämlich kriegsbedingt) statt Blattgold nur Kupferauflage Verwendung gefunden hätte.

"Nicht nur die Zweitfassung war eine Schimäre, sondern auch das so genannte Gutachten", schildert Otto Hans Ressler. Den Tod Nebehays hatte man abgewartet und hoffte auf gute Geschäfte mit seinem Namen. Und das ist noch nicht das Finale der Geschichte. Ein paar Tage später meldete sich bei Ressler eine große Wiener Bank, sie solle einen Kredit gewähren, dessen Sicherheit der Kuss wäre.

Eine fast alltägliche Episode, wie auch ein Blick in die Geschichte belegt: Im antiken Griechenland zählte Nachahmung noch zur Kunstfertigkeit. Plinius überlieferte diverse Histörchen über Wettbewerbe, bei denen Künstler die größtmögliche Annäherung an das Original anstrebten. Die Römer fanden wiederum so Gefallen an ägyptischer Kunst, das noch heute mehr Kopien im Umlauf sind, als Originale. Die katholische Kirche geizte wiederum nicht mit der Verteilung von Heiligen-Reliquien, die heute zu physiologischen Wunderwerken zusammengesetzt werden könnten.

Für die unters Publikum gebrachten Splitter aus dem Kreuz Christi müssen wohl ganze Wälder abgeholzt worden sein. Die Geschichte der Fälschung ist - mit der Blütezeit im Mittelalter und jüngeren Starfälschern wie Eric Hebborn (Zeichnungen Alter Meister), Han van Meegeren (Vermeer) oder Konrad Kujau (Hitler-Tagebücher) - weniger eine Erfindung der Moderne, als eine seit jeher verankerte Nebenerscheinung. Als Kopie verkleidet zählte sie zu einem relevanten Teil der akademischen Ausbildung von Künstlern. Zur Aufrechterhaltung von Angebot und Nachfrage ist sie ein probates Mittel, ohne dessen motorische Wirkung der Markt vielleicht die eine oder andere gigantische Preisentwicklung vermissen würde.

Ein Paradoxon, keine Frage. Wenigstens scheint die Definition des Begriffes Fälschung gesichert, auch ab wann eine Kopie zur solchen wird. Nämlich wenn gezielte Täuschung im Spiel ist. Allerdings: Ist die bei all den Beteiligten nachweisbar? Wie erwähntes Beispiel zeigt, ist ja auch ein Gutachten nicht das Maß aller Dinge.

Erinnerung trügt

Ein weiteres Beispiel: Alfons Waldes Tiroler Bergdorf (1940) sollte Ende vergangenen Jahres "im Kinsky" zur Versteigerung gelangen. Wenige Tage vor der Auktion wurde das Gemälde trotz Echtheitsbestätigung aus den 90er-Jahren zurückgezogen. Was war passiert? Bei den hauseigenen Experten kam Unsicherheit auf, genährt durch Rückmeldungen fundierter Sammler. Guta Berger, Tochter Waldes, hielt an ihrem Gutachten fest. Die Bedenken behielten Oberhand. Auch, weil die Tochter eines Künstlers rein rechtlich wohl nicht in jener Weise zu belangen ist, wie ein gerichtlich beeideter Sachverständiger. Denn das müsste man dem Käufer einmal erklären, das aus Kindheits- und Jugenderinnerungen nur schwer Schadenersatzansprüche abzuleiten sind.

Ein weiteres Beispiel aus dem Wiener Auktionsgeschehen belegt, dass sogar bei lebenden Künstlern eingeforderte Expertisen in die Irre leiten können. Am 2. Dezember 1993 rief Otto Hans Ressler, damals noch unter dem Label Wiener Kunst Auktionen und in den Ringstraßengalerien situiert, mit Lot 197 Friedensreich Hundertwassers Gelbe Schiffe Gelbe Küsse auf und erteilte bei umgerechnet 37.350 Euro guten Gewissens den Zuschlag. Die Provenienz war absolut einwandfrei und Hundertwasser selbst hatte die Echtheit des Aquarells bestätigt. Drei Jahre später besuchte der nunmehrige Besitzer eine Ausstellung im Künstlerhaus: Das Jahrhundert der Malerei 1980-1990. Plötzlich stand er, inmitten der Exponate aus der Sammlung Essl, vor "seinem" Hundertwasser. Die Telefone liefen heiß, Hundertwasser gab sich zerknirscht und sicherte Schadenersatz zu.

Zum Leidwesen des Auktionshauses - es hatte dem Käufer natürlich den Betrag retourniert - kam es dazu nie.

"Irren darf sich ja jeder", erinnert sich Ressler an den Wortlaut. Auch die eigens für solche Zwecke abgeschlossene Versicherung winkte ab. Ja, die hauseigenen Experten seien versichert, nicht aber der die Echtheit bestätigende Künstler. Unter dem Motto "tätige Reue" entstand doch noch ein kleines Trostpflaster. Hundertwasser übermalte 330 Quadratzentimeter der 39 mal 50 cm großen Falsifikats. Die Widmung auf der Rückseite: "Hundertwasser 1997 Jänner 18 Echter Hundertwasser auf Fälschung". Aus der Fälschung war ein Original geworden, das schließlich im Nachverkauf der 20. Kunstauktion für knapp 11.000 Euro neuerlich den Besitzer wechselte.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.5.2006)

Von
Olga Kronsteiner

Podiumsdiskussion zum Thema "Fälschungen" unter der Leitung von STANDARD -Chefredakteur Gerfried Sperl Donnerstag, 11.5., "im Kinsky", 1010 Wien, Freyung 4. Beginn: 18.30

  • Original oder verfälschte Kindheitserinnerung? 
Diese Version von Alfons Waldes Gemälde "Tiroler Bergdorf" wurde 2005 von der 57. Auktion zurückgezogen.
    foto: im kinsky

    Original oder verfälschte Kindheitserinnerung? Diese Version von Alfons Waldes Gemälde "Tiroler Bergdorf" wurde 2005 von der 57. Auktion zurückgezogen.

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