Die vergessene Schottland-Connection

19. Mai 2006, 23:08
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Das Haydn Trio Eisenstadt erweitert das kammermusikalische Repertoire in mehrere Richtungen

Wien - Eine Uraufführung von Haydn, Joseph Haydn? "Da haben Sie schon richtig gelesen", lacht Harald Kosik, Pianist des Haydn Trios Eisenstadt. "Haydn hat für drei schottische Verleger insgesamt über 400 Volkslieder für Klaviertrio bearbeitet, manche wurden aber damals gar nicht gedruckt und sind deshalb bis heute nicht aufgeführt worden."

Und er erzählt weiter, wie Haydn während eines London-Aufenthalts die ersten Aufträge für solche Arrangements erhielt, wie diese mit der Zeit immer kunstvoller und ausgefallener wurden. Er berichtet vom erstarkenden schottischen Nationalbewusstsein, in dem der Grund für die Sammlungen von Volksmelodien lag.

Und erzählt von einem gewissen George Thomson, seines Zeichens Musiker und Verleger, der der rührigste unter den drei Auftraggebern war und renommierte Schriftsteller wie den Nationaldichter Robert Burns für das Unternehmen gewinnen konnte. Ebenso prominente Komponisten fanden sich auf der Insel allerdings nicht, so dass man sich an die berühmtesten Tonsetzer der Zeit auf dem Festland wandte: darunter heute nur noch Fachleuten bekannte Namen wie Ignaz Pleyel oder Leopold Koeluh und eben Haydn, dessen Schüler Ludwig van Beethoven das Projekt später vor allem aufgrund der guten Bezahlung weiterführte.

Haydn, durch den überhaupt erst das Volkslied in der Kunstmusik so richtig Eingang gefunden hatte, beschäftigte sich gegen Ende seines Lebens hingegen offenbar mit großer Freude mit dieser langwierigen Aufgabe: "Die Arbeit muss ihm wirklich Spaß gemacht haben", findet Harald Kosik, "das kann man in den neu komponierten Vorspielen richtig spüren. Ungefähr ein Drittel der Lieder sind übrigens Duette, und diese hat Haydn besonders farbig gesetzt."

Viel Studioarbeit

Gelegenheit, diese Raritäten einschließlich einiger Uraufführungen zu hören, gibt es am kommenden Samstag bei den Haydnfestspielen Eisenstadt, wobei schottische Sänger für authentische Aussprache sorgen werden. Wie ist es zur Wiederbelebung der musikalischen Beziehungen zwischen Eisenstadt und Glasgow gekommen?

"Die dortige Universität hat seit längerer Zeit die Edition von Haydn Volksliedbearbeitungen auf Noten und CD vorbereitet und ist durch unsere Einspielung der Haydn'schen Klaviertrios auf uns aufmerksam geworden. Jetzt machen wir also diese viel umfangreichere Gesamteinspielung: insgesamt 18 CDs wird die Reihe komplett umfassen. Bis zu Haydns 200. Todestag 2009 soll sie abgeschlossen sein."

Doch nicht nur in Sachen Haydn ist das Trio, zu dem neben Harald Kosik die Geigerin Verena Stouzh und der Cellist Hannes Gradwohl gehören, derzeit unterwegs: Ein besonderes Anliegen bildet für das Ensemble nämlich die zeitgenössische Musik. Seit seiner Gründung 1993 vergibt es Kompositionsaufträge, und bisher sind im Rahmen des "ton art project" bereits 30 neue Stücke durch seine Initiative entstanden.

Der neueste Streich in diesem Zusammenhang ist das Projekt "Schreiben gegen den Krieg" aus Anlass des 80. Geburtstags von Ingeborg Bachmann: In wenigen Tagen werden Werke von österreichischen (Bernd Richard Deutsch, Herbert Lauermann, Norbert Sterk) und amerikanischen (David Froom, Jeffrey Mumford) Komponisten im Österreichischen Kulturforum in New York uraufgeführt, um Ende Mai in den Wiener Musikverein zurückzukehren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.5.2006)

Von Daniel Ender

13. 5., Haydnsaal, Schloss Esterházy, Infos: (02682) 618 66

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haydnfestival.at

  • Kümmert sich um den vergessenen Haydn und gibt auch neue Werke in Auftrag - das Haydn Trio Eisenstadt.
    foto: haydn trio

    Kümmert sich um den vergessenen Haydn und gibt auch neue Werke in Auftrag - das Haydn Trio Eisenstadt.

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