Boomendes Baltikum: "Gebaut wird wie verrückt"

27. Juni 2006, 09:06
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Generell dominieren Skandinavier und Russen auf dem Markt. Österreichische Immobiliengesellschaften scheinen ihn weiterhin stiefmütterlich zu behandeln

Schon seit Jahren weisen Estland, Lettland und Litauen das größte Wirtschaftswachstum in Europa auf. Gewiss, das Niveau, auf dem sie als einstige Sowjetrepubliken begonnen haben, war niedrig. Aber mithilfe offensiver Investitionen seitens der nordischen Nachbarn kam man doch relativ schnell auf die Beine. War der nördlichste und kleinste Staat Estland (1,3 Mio. Einwohner) lange Zeit voraus, zogen die beiden südlicheren Baltenstaaten zuletzt nach. Nach dem EU-Beitritt 2004 geriet 2005 zu einem Rekordjahr: 6,8 Prozent Wachstum im südlichsten und größten Staat Litauen (3,4 Mio. Einwohner), 8,1 Prozent in Estland, 8,8 Prozent im zentralen Lettland (2,3 Mio. Einwohner).

"Vor dem EU-Beitritt war alles tote Hose", erzählt Bernhard L. Loew. "Seither aber ist das Baltikum von einem gewaltigen Boom erfasst." Der österreichische Manager muss es wissen. Seit neun Jahren managt er Hotelprojekte in den baltischen Staaten, seit sieben Jahren die nobelsten Hoteladressen der Luxury Hotel Group Schlössle im lettischen Riga und Estlands Hauptstadt Tallinn.

Während Estland und Litauen die Konjunktur gut verdauen und möglicherweise schon 2007 (Estland), sicher aber 2008 in die Eurozone eintreten, bewegt sich Lettland seit Monaten an der Grenze zur Überhitzung und könnte die Euro-Einführung 2008 nicht schaffen: Inflationsraten von mehr als sechs Prozent bedeuten EU-Spitzenwert.

Neben anderen augenscheinlichen Risken für eine Lohn-Preis-Spirale kam aber auch die Immobilienhausse zum Tragen. Mitverantwortlich ist der Boom an Hypothekarkrediten, die im Vorjahr um 90 Prozent nach oben schnellten. Der Bauwirtschaft verschafften sie ein Plus von mehr als 15 Prozent.

"Es wird gebaut wie verrückt", berichtet Loew: "Riga etwa wird jetzt so heiß, wie es Prag vor zehn Jahren war." Der Immobilienboom begann schon vor dem EU-Beitritt. Die Ansprüche der Bevölkerung steigen, der Bedarf an guten bis hochwertigen Wohnungen ist enorm. Nicht nur die relativ dünne Schicht der Reformprofiteure investiert in den Wohnraum, auch die wachsende Kaufkraft der Mittelschicht manifestiert sich zunehmend auf dem Wohnungssektor. Parallel dazu sind Geschäfte gefragt, Einkaufszentren und moderner Bürobau.

Relais EU-GUS

Geografisch bildet die Hafenstadt Riga das Zentrum des Baltikums. Westliche Firmen bearbeiten gemeinhin von hier aus den baltischen Markt, manche auch Russland. Lettland sieht sich denn auch als Relais zwischen der GUS (Nachfolgestaaten der Sowjetunion) und der EU. Etwa im Transportwesen, gehen doch 90 Prozent der in Lettland abgefertigten Fracht von der GUS nach Westeuropa und zurück. Die vielen Transport-und Logistikfirmen haben Bedarf an Bürogebäuden kleiner bis mittlerer Größe.

Während die kleineren Firmen auch in den weit gehend denkmalgeschützten Gebäuden Unterschlupf finden (Riga hat die größte Anzahl von Jugendstilhäusern weltweit), zieht es Großkonzerne aus dem historischen Zentrum in neu entstehende Büro-Rayons am Stadtrand.

Die zunehmende Aktivität westlicher Investoren wirkt sich auch auf den Immobilienmarkt aus. Etwa ein Viertel aller ausländischen Investitionen in Lettland fließen in den Immobiliensektor. Die Skandinavier haben natürlich auch darin die Nase vorn. Viel Geld fließt auch seitens wohlhabender Russen, die etwa auf dem Segment der Elitewohnungen und Erholungseinrichtungen am Nobelstrand von Jurmala führend sind.

Österreicher zögern

Die österreichischen Immobiliengesellschaften haben das Baltikum bisher weit gehend übergangen. Selbst die führenden österreichischen Immobiliengesellschaften Meinl European Land (Shopping Center in Riga) und Immoeast (Eigentumswohnungen in Tallinn) haben sich erst vor einem Jahr in den Nordosten der EU "verirrt".

Experten schätzen, dass die Immobilienhausse noch zwei, drei Jahre anhalten wird. Woran es Riga und wohl auch anderen baltischen Städten mangelt, sind ausländische Projektentwickler. Darin liegt das große Geld der nächsten Jahre. (Eduard Steiner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.5.2006)

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