Netzhaut-Orgasmen im "Summer of Love"

11. Mai 2006, 06:20
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Mit mehr als 500 Objekten adelt die Kunsthalle Wien psychedelische 60er-Jahre-Kunst

Ein Phänomen, das jahrelang der angewandten Kunst oder gar dem "schlechten Geschmack" zugeordnet wurde.


Wien – Irgendwie beruhigend, dass selbst die New Yorker Gesellschaft nicht immer so aufgeschlossen gegenüber Neuem war: "Um die aktuellste Mode in den Discos zu genießen, sollten Sie besser Ohrenstöpsel, dunkle Sonnenbrillen und Schienbeinschützer tragen. Ansonsten könnten Sie in einem elektrischen Erdbeben ertauben, erblinden und blaue Flecken davontragen. Eine Erfahrung, die sich 'totale Entspannung' nennt."

Ein Zitat aus dem Life-Magazin. Im Mai 1966 titelte das renommierte US-Blatt: "Neuer Wahnsinn in den Discos". Gemeint waren die Light-Shows, die auf Leinwänden tanzende, grellbunte Flüssigkristalle und den satten Sound der Zeit zu orgiastischen Shows kombinierten und sich ausgehend von London (Mark Boyle und Joan Hills) über den ganzen Globus verbreiteten. Ein "Hippie"-Trend, den Andy Warhol aufgriff, um ihn mit Velvet Underground & Nico zu Avantgarde-Events zu adaptieren.

Eines der zentralen Phänomene der so genannten "psychedelischen Kunst", das nun Eingang gefunden hat in eine große, in Kooperation mit der Tate Liverpool und der Schirn Kunsthalle Frankfurt entstandene Ausstellung der Kunsthalle: "Eine Entdeckungsreise in die 60er-Jahre", nennt Kurator Christoph Grunenberg seinen Überblick über diese kunstgeschichtlich bisher stiefmütterlich behandelte Phase. Ebenso wie die Gestalter des ergänzenden Österreich-Teils, STANDARD-Kritiker Markus Mittringer und Angela Stief, auch er viel zu spät geboren, um die wilden Zeiten selbst bezeugen zu können.

Dennoch: In teils geografisch, teils nach Medien organisierten und trotzdem organisch ineinander fließenden Abschnitten, wird ein sortierter und mit Fotos, Grafiken, Plattencovern, Magazinen überaus reich dokumentierter Einblick in die bildergierige und farbgeile Populärkultur jener Zeit gegeben. Timothy Leary, US-Hohepriester des LSD, war geradezu besessen von der Vorstellung eines Dauerzustands der Ekstase, von der Erweiterung des Wahrnehmungsraums durch halluzinogene Drogen: "Denkt daran, der Naturzustand des Menschen ist ekstatisches Staunen, ekstatische Intuition, ekstatisch-exakte Bewegung. Gebt euch nicht mit weniger zufrieden." Das tat fast niemand: Wozu dies im Falle von Janis Joplin, deren 356er- Cabriolet als bunt bemaltes Herzstück fungiert, oder Jimi Hendrix geführt hat, ist hinlänglich bekannt. Pille einwerfen und los: Bei Adrian Piper wurde daraus ein Alice in Wonderland-Triptychon.

Stroboskop-Bomben

Statt sich dem LSD-Rausch hinzugeben, konnte man sich allerdings auch mit Stroboskop-Licht bombardieren: USCO baute eigens dafür den Strobe-Room, der Empfindungen wie bei einem kurzen epileptischen Anfall auslösen kann. Geradezu minimalistisch erscheint dagegen der schreinartige Kubus von Matt Klarwein, weitaus bekannter für die Gestaltung des legendären Abrax-Albums von Santana. Im Inneren des weiß leuchtenden Würfels herrscht allerdings barocker Kitsch.

Wo sonst allerlei Halluzinogenes bei den kreativen Outputs behilflich war, musste in Österreich der "Doppler" herhalten: Außer Arnulf Rainer hat kaum ein österreichischer Künstler explizit mit Drogen experimentiert. Auch von der ausgestellten Architekturpille Hans Holleins ist die Wirkung nicht bekannt: Könnte auch ein Placebo sein, denn die interessantesten Architekturen entstehen in der Fantasie. Gemeinsam mit Haus-Rucker- Co, Coop Himmelb(l)au und Walter Pichler sind es vor allem die Vertreter der hiesigen Architekturszene, die logisch in die internationale Entwicklung eingebettet werden.

Auch dabei: psychedelische und meditative Fotografie und Malerei von Raimund Abraham, Christian Ludwig Attersee, Padhi Frieberger, Ernst Fuchs und Alfons Schilling. Im Falle plötzlichen Schwindels angesichts so viel Psychedelia empfiehlt sich der Besuch der Phantasy-Landscapes von Verner Panton: Die Installation aus gepolsterten, sanft geschwungenen Formen verspricht farbenprächtige Träume. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.5.2006)

Von Anne Katrin Feßler

Bis 17. 9.

Link

kunsthallewien.at

  • Pionier inszenierter Fotografie: Padhi Frieberger, "Blumen im Bart", 1975.
    foto: galerie julius hummel, wien

    Pionier inszenierter Fotografie: Padhi Frieberger, "Blumen im Bart", 1975.

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