Muskelkraft gegen Petropolitik

1. März 2007, 14:53
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Die Fusion OMV/Verbund passt in die von Gasprom diktierte europäische Realität

Spätestens seit dem russisch-ukrainischen Gasstreit im Jänner ist Gasprom zu einem Schlüsselfaktor für alle geopolitischen Überlegungen geworden. Der russische Energieriese sorgt mit seiner Druck- und Drohpolitik gegenüber seinen Kunden in ganz Europa für Unbehagen - ebenso wie Präsident Wladimir Putin, der das Öl und Gas seines Staatsmonopolisten immer offener für außenpolitische Zwecke einsetzt. Selbst US-Vizepräsident Dick Cheney hat vor Kurzem den Einsatz der Achse Putin-Gasprom attackiert - und das in Litauen, auf dem Boden der ehemaligen Sowjetunion.

Gasprom ist auch der unsichtbare Hochzeitsgast bei der Fusion von OMV und Verbund. Es mag noch so viele innenpolitische und industrielle Gründe für den Zusammenschluss geben - die Politisierung des europäischen Energiegeschäfts in den letzten Jahren hat den Rahmen geschaffen, in dem die Schaffung eines "nationalen Champions" selbst für Marktwirtschaftler eine Logik ergeben kann. An dieser Entwicklung trägt Gasprom einen entscheidenden Anteil.

An sich ist Erdöl ein Rohstoff, der in das Modell des perfekten Wettbewerbs passt, das Ökonomen so lieben. Der Preis wird allein durch Angebot und Nachfrage bestimmt; Boykotte sind sinnlos, weil Öl auf dem Weltmarkt immer verfügbar ist - wenn auch manchmal zu hohen Preisen.

Anders liegt die Sache bei Erdgas: Dort bilden die bestehenden Pipelines feste Banden zwischen Produzenten und Konsumenten. Doch die Abhängigkeit ist hier gegenseitig: Genauso, wie Europa mittelfristig keine Alternative zum russischen Erdgas hat, so kann Gasprom nicht über Nacht entscheiden, sein Gas an China zu verkaufen.

All das bedeutet, dass Öl und Gas selbst bei extrem hohen Preisen sich nicht als politische Waffe eignet - in der Ölkrise von 1973/74 genauso wenig wie heute. Der Kreml kann zwar kleine Nachbarn wie Georgien quälen - gegenüber Westeuropa sind seine petropolitischen Fantasien eine gefährliche Illusion.

Was aber tun, wenn ein großer Energieproduzent dies nicht erkennen will? Da genügt es nicht darauf hinzuweisen, dass Putin seinem Land langfristig Schaden zufügen wird. Gerade ein exponiertes Land wie Österreich und ein Konzern wie die OMV - ein Großabnehmer für russisches Erdgas, der mit seinen Plänen für die Nabucco-Pipeline in die Türkei intensiv daran arbeitet, das russische Erdgasmonopol zu brechen - hat guten Grund, sich für diese Schlacht zu wappnen.

Deshalb ist die österreichische Energiefusion vom Ansatz her weniger problematisch als die Schaffung "nationaler Champions" anderswo in Europa. Die von Frankreich und Spanien forcierten Fusionspläne ihrer Energiekonzerne dienen zum Schutz vor Übernahmeangeboten aus befreundeten EU-Staaten. Diesem Schrebergarten-Patriotismus tritt die EU-Kommission mit gutem Grund entgegen.

OMV und Verbund waren hingegen keine Übernahmekandidaten - das wäre allein schon wegen der Staatsbeteiligung an beiden Konzernen unmöglich. Aber vor allem OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer ist durch die erfolgreiche Akquisitionspolitik der letzten Jahre in eine heikle Mittelliga aufgestiegen, in der er sich verwundbar fühlte: ein Mitspieler im Energiepoker zwischen Eon, Gasprom und anderen Riesen, aber mit deutlich weniger Muskelkraft. Gerade seine Südosteuropa-Strategie lässt ihn die aggressive russische Politik deutlich spüren. Bei doppelter Größe ist das eher verkraftbar.

Ob die Verbund-Übernahme die richtige Antwort auf dieses Dilemma ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Aber zumindest ist sie - anders als die verunglückte österreichische Stromlösung - nicht dazu gedacht, die Konzernprofite auf Kosten der Kunden zu steigern.

Am meisten haben dabei die Aktionäre zu verlieren - und deren größter ist die Republik. Aber die Spielregeln in Europas Energiemarkt werden täglich neu geschrieben. Wer hier überleben will, der muss auch etwas riskieren. (Eric Frey, DER STANDARD, 11.5.2006)

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