Bildungsminister können nicht gewinnen

20. Oktober 2006, 10:03
8 Postings

Die Studiengebühren seien gegessen, die ÖH zu wenig aktiv, dafür Protest multimedial: ÖH-Vertreter und Ex-Minister diskutierten beim UNISTANDARD -Roundtable

Die Studiengebühren seien gegessen, die ÖH zu wenig aktiv, dafür Protest multimedial: Beim UniStandard-Roundtable prallten Barbara Blaha und Patrice Fuchs (ÖH) mit den Ex-Ministern Caspar Einem und Ernst Strasser aneinander. Bettina Reicher moderierte.

UniStandard: Herr Strasser,wie war das Arbeitsklima mit Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg in Ihrer ÖH Zeit?

Ernst Strasser: Es liegt in der Natur der Sache, dass man mit dem Wissenschaftsminister Auseinandersetzungen hat. Wir haben Kampfmittel angewandt. Am erfolgreichsten war es, der Ministerin einen Gemüsestrauß zu schenken.

UniStandard: Frau Blaha, ein Tipp für ministerielle Treffen?

Barbara Blaha: Das lag nicht an Geschenken. Firnberg hat sich harten Debatten im Studentenparlament gestellt. Wir haben es schon schwer, ins Allerheiligste des Bildungsministeriums vorzudringen.

Strasser: Das stimmt nicht. Ich war zweieinhalb Jahre dabei und habe sie dort nie gesehen.

Blaha: Es gibt aber Protokolle.

Strasser: Und ich war dort.

UniStandard: Herr Einem, wie war Ihr Verhältnis als Wissenschaftsminister zur ÖH?

Caspar Einem: Du kannst als Wissenschaftsminister gegen die Studenten nicht gewinnen. Aber ich hatte ein relativ entspanntes Verhältnis mit der Studentenvertretung.

Unistandard: Frau Blaha, werden Sie da neidisch?

Blaha: Es ist nicht so, dass ich die Ministerin nie getroffen hätte. Das Gesprächsverhältnis ist konstruktiv. Es gibt nur keine inhaltliche Übereinstimmung, weil sie ein anderes Bildungskonzept vertritt.

Patrice Fuchs: Elisabeth Gehrer hat ja als Person einen reschen Zugang zum Humor.

Unistandard: Hat sich der Studentenprotest deshalb verändert?

Blaha: Seit den 50ern klagen Studentenvertreter dass sie die Studierenden nicht erreichen. Gleichzeitig haben sich die Protestformen geändert. Gegen die Abschaffung der Direktwahl demonstrierten circa 1500 Menschen auf der Straße aber 5000 im Internet.

Fuchs: Protestmail-Erfahrung haben wahrscheinlich alle Minister schon einmal gemacht.

Strasser: Ich bedauere das sehr, aber für mein Empfinden hat die ÖH hat zu wenig Stellenwert bei den Studenten und in der Gesellschaft. Die politische Funktion ist immens wichtig. Zu meiner Funktionärszeit war mir wichtig dass die Universität kein Glaskastel-Dasein führt. Heute ist es – mit Verlaub gesagt – ziemlich wurscht was die Hochschülerschaft sagt. Das ist schade.

Einem: Es hat sich einiges verändert. In den 70ern gab es andere Rahmenbedingungen. Die ÖH war sehr politisch. In den Jahren der konservativen ÖH Führung ging es nur mehr um Service, was der Tod einer Bewegung ist.

Fuchs: Ich müsst fast wie Schüssel antworten: Tun's die Sache nicht schlecht reden. Auf der ÖH pickt – teils schon belastend – das Label "Protest". Als ob das die einzig spannende Aufgabe wäre, über die man berichten sollte.

UniStandard: Hat die ÖH ein Kommunikationsproblem?

Fuchs: Wenn man 10000 Leute mobilisiert, fragt man warum nicht 20.000? Wenn man eine kleine Verbesserung erwirkt, sagt man: Warum nicht eine größere?

Strasser: Nur "nein" sagen ist zu wenig Politik. Dafür wird selten jemand gewählt. Das ist ein sehr defensives Konzept.

Fuchs: Nur "ja" sagen, wie die AG ist auch nicht interessant.

Strasser: Genauso wenig, vielleicht noch weniger. Die Studentenparteien sind im Gegensatz zu früher verlängerte Arme der jeweiligen Parteisekretariate sodass es einfach nur fad ist.

Blaha: Nein, das stimmt nicht.

(allgemeines Gelächter)

Strasser: Ich sage nur: Das ist meine Wahrnehmung.

Blaha: Dass wir immer nur "nein" sagen, muss ich verneinen. Es gibt Ideale die nicht verhandelbar sind. Etwa keine Studiengebühren zu haben. Es ist wichtig dass sich die ÖH- Fraktionen mit der Parteipolitik auseinander setzen.

UniStandard: Sehen die Herren Innenminister Lösungen?

Strasser: Die Studenten sind viel zu erwachsen. Wenn ein 50-Jähriger sagt, was ein 20- Jähriger denken soll. Da läuft doch ordentlich was falsch. Was sind denn eure Themen?

Blaha: Wäre eine Abschaffung der Studiengebühren tragbar?

Strasser: Wie lange gibt es schon Studiengebühren?

Blaha: Seit sechs Jahren.

Strasser: Also ehrlich gesagt: Was soll ich das jetzt diskutieren? Die Sache ist gegessen. Wenn ich ein Loch im Hemd hab, hab ich ein Loch im Hemd. Habt's ihr nichts anderes zum Diskutieren?

UniStandard: Das neue Fremdengesetz sorgt für Chaos an den Unis. Herr Strasser, was sagen Sie dazu?

Strasser: Dazu kann ich nichts sagen, damit habe ich mich nicht beschäftigt.

UniStandard: Ist das für die ÖH ein Thema?

Blaha: Ein großes, vor allem die massiven Belastungen der ausländischen Studierenden, die schon da sind. Das neue Gesetz ist schlecht für den Bildungsstandort. Im Zuge der Leistungsvereinbarung ist es wichtig, dass viele internationale Studenten kommen.

Einem: Es ist absurd: DieselbeRegierung, die diese Leistungsvereinbarung ausverhandelt hat, verhindert, dass die Studenten kommen.

UniStandard: Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Einem: Eine Kommunikationsoffensive wäre nötig, da die Intellektuellenfeindlichkeit zunimmt. Und zwar gegenüber jenen, die sich zeitintensiv mit Inhalten auseinander setzten, und nicht sofort mit einem BWL-Diplom Erbsen zählen können. (hoge/UNI-STANDARD, 11. Mai 2006)

  • "Auf der ÖH pickt das Label 'Protest'", klagt Patricia Fuchs (links).
    foto: standard/hendrich

    "Auf der ÖH pickt das Label 'Protest'", klagt Patricia Fuchs (links).

  • Die ÖH habe zu wenig Stellenwert bei den Studenten, meint Ernst Strasser beim Roundtable.
    foto: standard/hendrich

    Die ÖH habe zu wenig Stellenwert bei den Studenten, meint Ernst Strasser beim Roundtable.

Share if you care.