Islam-Experte warnt EU vor sanfter Hamas-Strategie

15. Mai 2006, 17:29
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Bassam Tibi: "Wenn Europa Selbstrespekt und wirklich aus dem Mord an den Juden gelernt hat"

Wien/Berlin - Der Islam-Experte Bassam Tibi hat die EU vor einer Strategie der Beschwichtigung gegenüber der radikalen islamischen Hamas gewarnt. "Wenn Europa Selbstrespekt und wirklich aus dem Mord an den Juden gelernt hat, wird es aufhören, sich die Option auf eine Appeasement-Strategie gegenüber Hamas offen zu halten", schreibt Tibi in einem Gastkommentar für den Berliner Tagesspiegel (Mittwochausgabe). Die Europäer wären gut beraten, die Charta der Organisation zu lesen, ehe sie sich in die Nahostpolitik einschalteten.

"Wölfe im Schafspelz"

Tibi bezeichnet die in den Palästinensergebieten regierende Hamas als "Wölfe im Schafspelz" und weist darauf hin, dass es eine Strömung der Moslems gebe, die bereit sei, die Demokratie für radikale Zwecke zu instrumentalisieren. Sowohl die Charta der Hamas als auch "alle Handlungen dieser Terrororganisation" stünden "in eklatantem Widerspruch" zur Demokratie als Kultur des Pluralismus und der Zivilgesellschaft. "Warum sollte ein Wahlsieg zu einem Umschwenken dieser totalitären antisemitischen Bewegung beitragen und den Umgang mit ihr rechtfertigen?", fragt Tibi.

"Bekenntnis zu Antisemitismus"

Die Hamas habe zwar die jüngsten Wahlen in den Palästinensergebieten gewonnen, doch wer demokratisch gewählt werde, sei noch lange kein Demokrat, argumentiert Bassam Tibi. "Wenn Hamas die drei Forderungen der internationalen Gemeinschaft ablehnt, nämlich der Gewalt abzuschwören, Israel anzuerkennen und bestehende israelisch-palästinensische Verträge zu akzeptieren, dann reflektiert das die Ideologie dieser Bewegung." Wer die Hamas-Charta lese, der finde "das eindeutige Bekenntnis der Hamas zum Antisemitismus und zum gewalttätigen Jihad, nicht aber zur Demokratie. Durch Umdeutungen lässt sich dies nicht herunterspielen".

Bassam Tibi stammt aus einer Damaszener Familie, ist sunnitischer Moslem und deutscher Staatsbürger. Er ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen und an der amerikanischen Cornell University. (APA)

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    Bassam Tibi prägte in den 1990ern den Begriff der "europäischen Leitkultur", was in Deutschland eine Debatte über die "deutsche Leitkultur" zur Folge hatte.

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