Ein roter Lord wird Staatspräsident

18. Juli 2006, 14:48
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Italiens neuer Präsident, Giorgio Napolitano, ist ein Mann leiser Töne

Giorgio Napolitano habe – so behaupten seine Kollegen im Senat – mit Immanuel Kant vor allem eines gemeinsam: Man könne die Uhr nach ihm stellen. Doch der 81-jährige Jurist unterscheidet sich von seinen neapolitanischen Landsleuten auch durch andere Merkmale. Er liebt die leisen Töne und verabscheut Exzesse aller Art wie etwa die übertriebene Fußballleidenschaft in der Stadt am Vesuv.

In der keineswegs polyglotten Riege italienischer Politiker fiel der Sohn eines liberalen Anwalts schon früh durch sein gutes Englisch auf. An der Universität seiner Heimatstadt schloss sich der Jus-Student 1942 einer antifaschistischen Widerstandsgruppe an, 1945 trat er in die KPI ein. Seine große Leidenschaft galt dem Theater, wo er sich als Schauspieler und Regisseur versuchte. Seine Gedichte in neapolitanischer Mundart wurden von gebildeten Genossen als "rechts" abgelehnt.

Rechts stand Giorgio Napolitano in seiner Partei immer, seit er 1953 als junger Anwalt erstmals ins Parlament gewählt wurde. Er war der erste Kommunist, der am angesehenen Aspen-Institut in Colorado sprechen durfte. Auch an den Universitäten Berkeley, Harvard, Yale und Princeton war Napolitano ein gern gesehener Gastredner. 1992, als der Korruptionsskandal der "Mani pulite" Italiens politisches System zu erschüttern begann, wurde er Präsident der Abgeordnetenkammer.

Giorgio Napolitanos Markenzeichen ist die Mäßigung. Silvio Berlusconi erwog 1994 nach seinem Wahlsieg, Napolitano als EU-Kommissar nach Brüssel zu entsenden. 1996 übernahm er unter Romano Prodi als erster Linker in der Geschichte der Republik das Innenministerium.

Napolitano, der wegen seines britischen Understatements und seiner höflichen Umgangsformen den Beinamen "Roter Lord" führt, ist Autor zahlreicher Bücher über internationale Beziehungen und über die Geschichte des Sozialismus. Seine temperamentvolle und extrovertierte Frau Clio klagt vor allem über die Akribie und die "ausufernde Ratio" ihres Mannes. "Er versucht, jeden Konflikt rational zu lösen, ich dagegen muss schon mal die Stimme erheben und die Tür zuknallen", gesteht die Juristin, Tochter eines von Mussolini auf die Insel Ponza verbannten antifaschistischen Paares.

Die Hochzeitsreise führte das Paar 1959 mit Zug und Autobus nach San Gimignano. Für seine beiden Söhne hatte Giorgio Napolitano wegen der vielen Verpflichtungen nur wenig Zeit. "Aber jetzt", versichert der Großvater, "versuche ich das mit meinen Enkeln wieder gutzumachen."

Seine beiden Enkel werden in wenigen Tagen über eine Spielwiese verfügen können, von der andere Kinder nur träumen können: den einst von Päpsten und Königen bewohnten Quirinalspalast mit traumhaften Gartenanlagen. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, Print, 11.5.2006)

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    Giorgio Napolitano

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