Wissen, wie man Wachstum schafft

16. Mai 2006, 19:01
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Europäische Technologieplattformen: Nicht alles funktioniert so, wie Erfinder es gern hätten

In Wien trafen einander vergangene Woche internationale Experten, um über Europäische Technologieplattformen zu diskutieren. Dabei stellte sich heraus: Es funktioniert nicht alles so, wie es die Erfinder und Gestalter dieser Plattformen gern hätten.

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Europas zukünftiges Wirtschaftswachstum, seine Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltige Entwicklung hänge zu einem wesentlichen Teil von technologischen Fortschritten ab.

Das war zwar der einhellige Tenor bei der Konferenz zu den Europäischen Technologieplattformen (kurz: ETPs), die letzte Woche im Rahmen der österreichischen EU-Präsidentschaft in Wien stattfand. Allein, an der Umsetzung hapert es noch etwas.

Die EU-Forschungsprioritäten sollen sich in Zukunft an den verschiedenen thematischen Feldern der ETPs orientieren. Die Plattformen selbst gehen auf Initiativen der Industrie zurück.

Österreich ist an zwanzig der insgesamt dreißig ETPs beteiligt, und das in Industriesparten, die hier zu Lande traditionell gut entwickelt sind, wie Stahl, Straßen- und Schienentransport oder Materialtechnologien, aber auch in Themenbereichen wie "Embedded Systems" ("Intelligente Geräte", etc.).

Das Herzstück jeder Plattform bildet eine strategische Forschungsagenda, die von den verschiedenen Interessensvertretern aus Industrie, Forschung, und auch Anwendergruppen erarbeitet wurde.

Damit soll die Entwicklung von Zukunftstechnologien gezielt vorangetrieben werden. Am Ende der Bemühungen hofft man auf marktfähige Produkte und Dienstleistungen. Die ETPs selbst sind vielfältig. Sie betreffen verschiedene Technologiebereiche, und mit ihnen werden auch unterschiedliche Erwartungen verknüpft.

Durchbrüche

Für einige, wie jene zur Fotovoltaik, stehen Ideen einer nachhaltigen Entwicklung im Vordergrund. Andere könnten radikale Änderungen in einem Gebiet hervorrufen, gelängen entsprechende Durchbrüche - so etwa in der Nano-Medizin.

Bei anderen wiederum existieren hohe Einstiegsbarrieren und eine Ungewissheit in Bezug auf die Profitabilität; wobei gleichzeitig ein großes ökonomisches und gesellschaftliches Potenzial gesehen wird.

Ein Beispiel dafür wäre der Bereich der mobilen und drahtlosen (wireless) Kommunikationstechnologien. Von den ETPs wird eine bessere Umsetzung von Grundlagenforschung in konkreten Anwendungen erwartet. Diese Umsetzung funktioniere in Europa bisher nur schlecht, betonte August-Wilhelm Scheer, Chef des Systemintegrators IDS Scheer AG. Als Beispiel nannte er die Entwicklung des MP3-Formats an einem der Fraunhofer Institute. Die Idee sei von den Amerikanern bald aufgekauft worden. Dadurch seien zahlreiche neue Arbeitsplätze in den USA und Asien entstanden, nicht aber in Europa.

Möglichkeiten der Startfinanzierung von neuen Unternehmen machten nur einen Teil des Problems aus. "Viel gravierender ist, dass sich - anders als in den USA - europäische Professoren nicht als Unternehmer verstehen und folglich Studenten von ihnen unternehmerisches Denken nicht lernen können." Eine Chance für Europas Kleine und Mittlere Unternehmen witterte Kevin Corti, Direktor von PIXELearning, in den ETPs. Im Vergleich zu den USA sei Europas Industrielandschaft viel stärker von KMUs geprägt.

Trotz ihres innovativen Charakters hätten KMUs aufgrund ihrer Kleinheit aber große Mühen, sich international zu positionieren. Ihre Einbindung in die ETPs könnte hier neue Möglichkeiten eröffnen.

Gleichzeitig verwies er auf eine besondere Schwierigkeit: Da KMUs oft nur über sehr begrenzte Zeit- und Geldressourcen verfügen würden, sei für sie eine Teilnahme an solchen Treffen keine leichte Sache.

Neben wirtschaftlichen Aspekten wurde auch diskutiert, wie technologische Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt berücksichtigt werden könnten.

Technologie für Ältere

Am Beispiel von technologischen Geräten für ältere Menschen erläuterte Josef Hochgerner, Direktor des Zentrums für Soziale Innovation, wie wichtig es sei, dass die Endnutzer selbst in den Entwicklungsprozess einbezogen werden. Mit einer Meinungsumfrage sei dies nicht getan.

Sein Vorschlag lautete: Forscher sollten in ihren Labors mit älteren Menschen eng zusammenarbeiten.

Ein Vertreter der Plattform für Nachhaltige Chemie sprach von enormen Problemen bei dem Versuch, NGOs für ihre Sache zu gewinnen. Diese würden den von der Industrie geführten ETPs zum Teil kritisch gegenüberstehen. (Thomas Mündle/DER STANDARD Printausgabe, 10. Mai 2006)

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