Das Labor ist immer und überall

16. Mai 2006, 19:01
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Neues Usability-Labor in Salzburg eröffnet: Technologien zur Vermeidung von virtuellen Stolpersteinen

Ein bisschen Klicken, dann online buchen - schon liegt man entspannt am Strand. Theoretisch. Praktisch spießt es sich oft schon beim richtigen Klicken. Einen Urlaub auf Tahiti buchen, so lautet die Aufgabe im Showtest vor Publikum. Die sich abmühende Testperson aus den USA stolpert dabei nicht nur über enden wollende Geografiekenntnisse ("Tahiti ist doch in Europa, oder?"), sondern vor allem über das Durcheinander auf dieser Reiseseite.

Die virtuellen Stolpersteine werden bei der Eröffnung eines Usability-Labors am "Information and Communication Technologies & Society Center" (ICT&S) der Universität Salzburg live über Videobeam sichtbar gemacht: Ein blauer Streifen zeigt, wohin die Augen schweifen, wo sie sich festsetzen - und was sie völlig außer Acht lassen. "Eye tracking" nennt sich diese Technologie, bei der Reflexionsmuster auf der Hornhaut des Probanden erfasst und ausgewertet werden.

Der Urlaub auf Tahiti bleibt in diesem Testfall unbuchbar. Selbst die Suche nach einer rettenden Telefonnummer endet ergebnislos. Der Erkenntnisgewinn ist hingegen nicht zu verachten: Diese Reiseseite verlangt Geduld. Dem Anbieter ist nicht geholfen, der Reisewillige wird schon nach wenigen Minuten das Weite und sein Glück woanders suchen. "Es sind nicht die Menschen, die Fehler machen", postuliert Manfred Tscheligi, Professor für Human-Computer Interaction und Usability am ICT&S, beinahe tröstend. Die Technologien müssten vielmehr den Bedürfnissen der Menschen angepasst werden, erläutert Tscheligi seinen Forschungsgegenstand. Das neue Labor soll dabei helfen.

Die voll digitalisierte Werkstatt gestattet auch Schritte in die Umgebung von User und PC. Die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine finden sich auch im Haushalt. All das wirft natürlich Fragen auf, zum Beispiel inwieweit sich die Gesellschaft durch den Einsatz neuer Technologien verändert (E-Society).

Die technischen Mittel im Labor reichen vom beschriebenen Eye Tracking, über den Einsatz von Kameras, auf einem Helm oder in einer Brille integriert, und diverser Sensoren bis zu Robotern wie dem Roboterhund Aibo. Dieser kann etwa als Spielpartner beim Memory eingesetzt werden. Sensoren in Zündholschachteln führen den Hund zur richtigen "Karte". Der zweite Spieler lenkt das Hündchen mittels Fernsteuerung und Kamera aus einem anderen Raum über den Spielplatz. "Entscheidend ist", so Wolfgang Reitberger vom ICT&S, "wie in der Praxis die Akzeptanz einer Hilfestellung erreicht werden kann" - etwa wenn für ältere Menschen Hilfestellungen im Haushalt entwickelt werden sollen. Ein System, das vor Stürzen warnt, ein Handy, das nur läutet, wenn das Display nach oben schaut oder individuelle Fernbedienungen, die eben nicht automatisch, sondern je nach Situation interagieren.

Die Grenze der Forschung will Tscheligi in Zukunft mit dem neuen "Experimental Lab" einerseits in Richtung neuer Interaktionsansätze weit hinaus verschieben, anderseits die Untersuchung von Benutzbarkeit und User-Experience in verschiedensten Kontexten und ortsungebunden möglich machen. "Alles passt in drei Koffer, wir können auch im Wald oder auf dem Spielplatz Interaktionen analysieren", Strom beziehungsweise entsprechende Batterien vorausgesetzt. Grenzen sind jedenfalls der Datenschutz und die Privatsphäre. Eine Studie über die Benutzungssituation in speziellen Umgebungen wie Krankenhäusern oder Haushalten wäre für ihn deswegen eine besondere Herausforderung. Derzeit wird am möglichst ortsungebundenen Einsatz von Laboreinrichtungen gearbeitet. Darum das nächste Ziel: "Überhaupt keine Kabel mehr." (Stefan Tschandl/DER STANDARD Printausgabe, 10. Mai 2006)

  • Die neue Technik wird im Freien getestet.
    foto: standard/ict&s

    Die neue Technik wird im Freien getestet.

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