Das voll Arge 2Rad Training

2. November 2006, 20:57
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ÖAMTC und Arge 2Rad bieten eine Reihe von Fahrsicherheits-Kursen an - Guido Gluschitsch besuchte einen davon

Ich kann es jetzt nicht genau sagen, was es war. Vielleicht haben ÖAMTC und Arge 2Rad meine Geschichten gelesen. Oder was natürlich auch sein kann, sie haben mich gesehen, als ich mich krampfhaft versuchte auf einem Motorrad durch eine Kurve zu quälen. Ist ja auch egal, Tatsache ist, dass sich die beiden zusammen getan und gesagt haben: "Es wäre bitte folgendes Guido, um Himmels willen, mach doch einen Fahrsicherheitskurs. Wir haben da eh so ein feines Programm. Obschon, für dich kommt eh nur ein Intensivtraining in Frage. Du brauchst eine Sonderbehandlung."

Das Angebot musste ich annehmen. Klar. Aber ich dachte mir, da gehst am besten nicht nach Teesdorf, weil dort könnt dich jemand kennen. Ich wählte das Fahrtrainingszentrum des ÖAMTC in Lebring. Das mit dem niemanden kennen, ging dann nicht – mein Vater hat sich auch gleich angemeldet: "Das muss ich sehen!"

Die erste Hürde war, dass dieses Training um acht Uhr begann. Den Kaffee, den ich mir in Lebring, vor dem Start, ins Gesicht stellen wollte, hab ich vor lauter Nervosität elegant auf dem Boden und mir verteilt. Ein gutes Vorzeichen für den Geschicklichkeitsparcours, hm?

Auf der Schulbank

Zu Beginn setzten wir uns in einen Klassenraum. Demotivation pur. Wenn es mich während der Theorieeinheit schon beim Schaukeln vom Sessel drischt, hab ich jegliches Ansehen verloren. Die Vorstellungsrunde hab ich noch gemeistert. Mir fiel mein Name ein und warum ich da bin, was ich mir vom Kurs erwarte und wie viele Kilometer ich schon gefahren bin. Meine Brezen zählte ich nicht auf. Das hätte alles nur in die Länge gezogen und die anderen acht Teilnehmer haben mich eh schon so komisch angeschaut. Allein mein Vater setzte sich neben mich: "Eltern müssen lieb zu ihren Kindern sein. Ob sie wollen, oder nicht."

Bald brach eine Lawine von Theorie über mich hinein. Sie wissen schon: Warum fährt ein Motorrad, welche Bedeutung haben die Reifen, das Erkennen von Gefahren und das unfallfreie Meistern derselben, Blicktechnik, Linienwahl, und die Fahrstile Drücken, Legen und Hang off. Der Instruktor brachte das alles in kurzer Zeit und so anschaulich dar, dass selbst ich es verstand. Fachbegriffe wie Kammscher Kreis nahm er erst gar nicht in den Mund. Stattdessen erklärte er die Haftgrenze, in dem er die Vektoren einfach in ein Stück Schnur verwandelte und so Beschleunigungs- und Querkräfte darstellte.

Schwerpunkt Kreiselkräfte

Na hallo, dachte ich mir. Wenn mir den Stoff in der Schule auch jemand so beigebracht hätte, hätte ich die Volksschule vielleicht doch noch vor dem Führerschein abschließen können. Weil ich aber ein fieser Hund bin, freute ich mich innerlich schon auf das Aufbegehren, das wie der Sturz nach dem Ölfleck kommt, wenn der Instruktor das erste Mal "Lenken durch Gegenlenken" sagt. Aber zu früh gefreut. Da zaubert der Kerl doch glatt ein Gestell hervor, auf dem ein Rad montiert ist, welches über ein Gestänge frei beweglich mit einem Lenker verbunden ist. Er dreht das Rad an, drückt am linken Lenkerende leicht an und schon kippt das Rad in eine Linkskurve. Wer es nicht glaubte, durfte es ausprobieren, während er die Kreiselkräfte erklärte.

Nach einer kurzen Pause – ich mied die Espressomaschine als wäre ich der Pilch der Motorradfahrer – ging es ins Gelände. Dafür stellte der ÖAMTC Trial-Motorräder und eine nasse Wiese zur Verfügung. Erste Übung: Auf den Rasten stehend fahren. Anscheinend hatte der Instruktor aber Angst, dass wir ihm davon preschen könnten und stellte deshalb die Pylonen so eng auf, dass man fast nicht durch kam.

Also mühten wir ab, ohne einen Fuß auf den Boden zu setzen, dies zu schaffen. Wir bekamen nützliche Tipps, wie, dass die Schultern in einer Ebene mit dem Lenker bleiben sollen, oder sich beim Beschleunigen nicht nach hinten zu neigen, weil sonst die kleine Trial bockig wird und den werten Reiter abwirft. Und dann sah er mich an, der Instruktor, und meinte: "Wenn du sie doch wegschmeißt, dann bitte nicht in den Vordermann oder die Autos." Pah. Nichts war. Bin brav drauf geblieben.

Trial-Teil-2 war schon etwas schwieriger und ich konnte voll und ganz meine Qualitäten als Nudler unter Beweis stellen. Simples Geradeausfahren auf einer kleinen Betonmauer sollte für mich ein beinah unbewältigbares Hindernis darstellen. Bergauf, bergab, über ein Waschbrett, oder mit dem Hinterrad in einer Aluschiene steckend – die Trial schaffte alles – ich nicht. Schlussübung war dann, auf dem Motorrad, im Stand, eine Hand zum Gruß zu heben. Das hätte sich wohl niemand gedacht, dass dies jedem gelingen würde. Ich musste ja nicht – ich durfte fotografieren.

Nach der Mittagspause setzten wir uns auf die eigenen Motorräder. Da werde ich dann immer gleich sehr vorsichtig, wenn das Motorrad, das ich bewege, das meine ist. Zu Beginn musste ein Slalomkurs durchgefahren werden, an den sich ein paar sehr enge Kurven schlossen. Fahrstil: Drücken. Wer sich in die Kurven legte, hatte verloren. Wer aufrecht sitzen blieb und allein das Motorrad unter sich bewegte, war um einiges schneller unterwegs. Dieser Fahrstil war noch nicht jedem Einzelnen sofort vertraut, aber das wurde nach ein paar Runden. Ach ja, Runden. Jeder fuhr dann einige Runden in der Kreisbahn. Erst die große, dann die enge. Im weiten Kreisel war alles erlaubt. Drücken oder Legen – Hauptsache die Blicktechnik passte.

Ich hab wieder einmal nur halb aufgepasst und bei "alles erlaubt" aufgehört zuzuhören, was bewirkte, dass ich den großen Kreisel im Hang off nahm. Fetzengaude. Der Instruktor verstand dies aber als Fehdehandschuhwurf, wie ich merken musste. Auf dem folgenden Parcours, durch weite und enge Kurven, befahl er mir, ihm zu folgen – und hängte mich ganz böse ab. Er wartete wieder auf mich und deutete mir, ich solle an ihm dranbleiben und brannte wieder los.

>>>Die Zitronenmethode

In den engen Kurven drückte er seine kleine Fazer so rein, dass ich nur mehr Funken sah. Das hat ihm gefallen. Mir nicht. In der engen Kreisbahn kratzte er ja auch mit den Rasten einen Graben in den Asphalt, der den Kursteilnehmern das Schauen erleichtern sollte.

Nach einem sehr eng angelegten Geschicklichkeitsparcours, der darauf abzielte das Drücken mit der richtigen Blicktechnik zu kombinieren, wurde gebremst, was das Zeug hielt. Notbremsungen aus 60 km/h zu wechselnden Themen: Beide Bremsen betätigen, dann nur eine, auf ein Hindernis hinbremsen und dann, nona, ausweichen.

Bei der Vollbremsung erklärte der Instruktor die Zitronenmethode. Erst einmal, durchs Bremsen, Druck auf die Vorderräder bringen und dann die Zitrone (Vorderbremse) auspressen, bis nichts mehr geht. Ein Vorderradblockierer, über die letzten zehn Zentimeter bis zum Stillstand, war erlaubt. Da hatte er keine Freude, wie ich die Anweisung, um gut die zehnfache Länge übertraf und mit dem Vorderrad einen schwarzen Strich in die Südsteiermark zog. Wäre der Instruktor ein Pekinese gewesen, wären ihm sicher die Augen danach auf der Oberlippe aufgesessen. So ist ihm aber nichts passiert und er hatte Zeit und Lust mich ein wenig aufzuziehen. Ich glaube ich war sein Liebling des Tages. Ich versteh es ja eh ...

Gegen 17:00 Uhr endete die Veranstaltung mit einer Schlussbesprechung. Alle Teilnehmer waren zufrieden mit dem Kurs und sich selbst. Die meisten spielten beim Rausgehen schon mit dem Gedanken, gleich das nächste Training zu buchen.

Das Angebot von ÖAMTC und Arge2Rad hat da ohnehin einiges auf Lager. Die schmeißen sich voll ins Zeug und fangen bei den Jüngsten an. Mit Moped&Co etwa wird ein Mopedtraining für ganze Schulklassen angeboten, das auf die individuellen Bedürfnisse der 14 bis 18 Jährigen eingeht.

Sicherheitstraining

Aber auch die starken Zuwächse bei den Verkaufszahlen von Motorrädern aus dem ersten Quartal (plus 28,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) lassen erkennen, dass individuelle Trainings notwendig sind, denn "wir sind bemüht, die Unfallzahlen bei Motorradfahrern zu senken", erklärt Karin Munk, Pressesprecherin der Arge 2Rad. Ein weiteres Anliegen, war ihnen das Durchsetzen von Erleichterungen für Führerscheinneulinge und die späten Neueinsteiger. Und diese Vereinfachungen in die Realität umzusetzen, haben sie besser geschafft, als ich das Fahrsicherheitstraining. (Text und Fotos: Guido Gluschitsch, derStandard.at)

  • "Wenn du sie wegschmeißt, dann bitte nicht in den Vordermann." Lernen beim ÖAMTC heißt: Instruktionen, wie sie klarer nicht sein könnten.
    foto: gluschitsch

    "Wenn du sie wegschmeißt, dann bitte nicht in den Vordermann." Lernen beim ÖAMTC heißt: Instruktionen, wie sie klarer nicht sein könnten.

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