Untaugliche Versuche

11. Mai 2006, 19:08
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Manche Schnorr-Methoden sind so plump, dass man sich vermutlich anstrengen muss, um darauf herein zu fallen

Es war vorgestern. Da habe ich die Frau gefragt, ob sie mich für blöd hält. Ich wollte nämlich nicht unhöflich sein. Sonst hätte ich fragen müssen, wie deppert sie ist: Jeden Tag zur selben Zeit mit demselben Schmäh am selben Ort Leute um Geld anzuschnorren, kann auf Dauer nicht einmal irgendwann tagsüber funktionieren. Vermute ich jedenfalls. Aber dass sie gerade in der Früh immer die selben Menschen erwischt, müsste der Frau doch irgendwann klar werden. Schließlich labert sie mich (und alle anderen in der U-Bahn-Station) jeden Tag aufs Neue an. Und zwar mit dem gleichen Schmäh.

Beim ersten Mal habe ich ihr geglaubt: Dass jemand Handy, Schlüssel und Geldbörse in der Handtasche hat, die zu Hause vergisst und das erst später – nämlich hier, in der Station – bemerkt, klingt plausibel: Ich bin in meinem Bekanntenkreis (aber zuerst haben alle gelacht, eh klar) nicht der Einzige, der es in der Früh mit dem Müllsack statt mit dem Office-Gepäck schon (fast) bis ins Büro geschafft hat. Jemand, der wegen einem ähnlichen Missgeschick Telefongeld braucht, kann mit meiner Solidarität rechnen. Zur Not auch zweimal.

Böse Blicke

Beim Dritten Mal wurde ich dann aber stutzig, gab nichts und wurde dafür mit einem bösen Blick der Schnorrerin (und einigen amüsiert-kumpelhaften einiger Mitwartenden) bedacht. In den Tagen darauf freute ich mich beinahe auf die Dame am Perron: Die Gesichter jener Leute, die da bemerken, dass sie offenbar hereingelegt worden sind, spiegeln ein breites Mienen-Spektrum wieder. Und das „Willkommen im Club“-Nicken wird auch recht unterschiedlich aufgefasst.

Freilich: Es geht noch blöder. Und damit meine ich gar nicht jene Mariahilferstraßen-Jungalkis, die sich nicht entblöden, ausdrücklich nach einem Zwei Euro Stück (als besonders schlauer Bonustrack auch schon gehört: „für den Billa-Einkaufswagen“) zu fragen, sondern den Mann, der mich mittlerweile schon dreimal auf französisch angeredet hat.

Paris

Er müsse, sagt der solide gekleidete Mann jedes Mal, dringend telefonieren. Und zwar nach Paris. Er müsse da mit einem Freund eine wichtige geschäftliche Sache besprechen. Er würde für das Telefonat auch bezahlen, brauche aber sicher ein paar Minuten. Er würde dort drüben – Fingerzeig auf eine Hauseinfahrt – kurz Ruhe brauchen. Ich solle hier warten, er käme gleich zurück. Versprochen.

Besonders fein an der Sache: Der Franzose hat mich bisher immer in der Innenstadt, in unmittelbarer Nähe einer Telefonzelle oder eines Postamtes, angesprochen. Er reagierte auf diesen Hinweis jedes Mal durchaus unentspannt und unhöflich. Und in fließendem Deutsch.

Nichts Persönliches

Vorgestern habe ich dann eben die Frau in der U-Bahn-Station gefragt, ob sie mich für deppert hält. Sie lächelte – und antwortete ganz offen: Ja. Aber das sei, versicherte sie, keineswegs persönlich gemeint, sondern global zu verstehen. Oder statistisch. Weil ich mich wundern würde, wie viele Leute ihr ihre immer gleiche Geschichte alle paar Tage aufs Neue abnehmen würden. Sie verstehe das selbst auch nicht.

Gestern sprach sie mich nicht an. Wie mir schien, zum ersten Mal. Ich gab ihr trotzdem ein paar Münzen.

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