Wiederauferstehung des Entzogenen

16. Mai 2006, 13:18
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Geopolitik und Filmgeschichte: Die 52. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

Oberhausen - Eine kleine Übung in Sachen Verfremdung: In einem Theaterraum, auf einer großen Bühne hat sich eine zunächst nicht näher differenzierte Menge von Leuten versammelt. Manche scheinen Anweisungen zu geben, andere diese auszuführen. Von einem "Mittelalter-Film" ist die Rede, Jugendliche werden in kleinen Grüppchen formiert, ein Auswahlverfahren findet statt.

Eine Regisseurin erscheint zur finalen Abnahme dessen, was ihr Spielleiter bis zu diesem Zeitpunkt erarbeitet hat. Auf dem großen Parkplatz hinter dem Gebäude beginnt sich währenddessen das Tableau vom Beginn unter anderen Vorzeichen neu zu formieren.

Der Verfremdungseffekt entsteht dadurch, dass der Film diese an sich nicht weiter ungewöhnlichen Vorgänge und ebensolche Gesprächspassagen fragmentarisch hält, stets ein nicht näher bezeichnetes Off mit ins Spiel bringt. Wer zieht hier die Fäden? Was wird hier eigentlich gespielt?

Rien du tout ("Gar nichts") heißt diese präzise Arbeit von Clemens von Wedemeyer und Maya Schweizer. Beide sind eigentlich im Kunstfeld beheimatet. Rien du tout, der bei den Dienstagabend zu Ende gegangenen Kurzfilmtagen im Deutschen Wettbewerb zu sehen war, ist nicht zuletzt exemplarisch für den Umstand, dass das renommierte Festival seine Exponate auch abseits traditioneller filmischer Produktionskontexte zu finden sucht.

Entsprechend vielfältig und experimentierfreudig gestalten sich die Beiträge, entsprechend zentral immer noch und gerade wieder die Fragen nach der Verlässlichkeit der Bilder: Der libanesische Künstler Akram Zaatari hat in diesem Jahr ein umfangreiches Special mit dem Titel "Radical Closure" zusammengestellt. Den Begriff hat er bei seinem Landsmann, dem Künstler und Filmtheoretiker Jalal Toufic, entlehnt, der damit einen Zustand beschreibt, den eine Existenz in andauernden gesellschaftlichen und politischen Ausnahmezuständen produziert.

Künstlern komme, so Toufic, "nach der übermächtigen Katastrophe" die Aufgabe zu, "das Entzogene wieder erstehen zu lassen" oder "den Entzug zu enthüllen". In insgesamt elf Programmen, anhand von thematischen Knotenpunkten wie "Erziehung als Ort der Indoktrinierung", "Krieg/Die sichtbaren Zeichen" oder "Militärkultur" versammelte Zaatari entsprechende historische und aktuelle Arbeiten aus dem Nahen Osten und - in Erweiterung - aus Ägypten, der Türkei, Zypern oder Frankreich.

Auch wenn man sich stärkere vermittelnde Eingriffe des Kurators gewünscht hätte, so funktionierte die umfängliche Reihe zumindest als ein eindrückliches Angebot, sich nachhaltiger mit jenen vor Ort produzierten oder bewahrten (Selbst-)Bildern auseinander zu setzen, die der massenmediale Kontext ausblendet oder durch die immergleichen visuellen Klischees überdeckt.

Neben dieser aktuellen politischen Dimension von pointierten künstlerischen Interventionen wurde in Oberhausen einmal mehr daran erinnert, dass die kurze Form gerade im Avantgardebereich von jeher anerkannt war. Daran, dass die Frage der Dauer eines Films zunächst einmal auch eine konzeptuelle Entscheidung darstellt, die bestimmten Inhalten oder filmischen Experimenten angemessen wird:

Melonen-Attacke

Eine längst kanonisierte Arbeit wie Robert Nelsons Oh Dem Watermelons, die 1966 auch am Oberhausener Festival zu sehen war, braucht gerade einmal elf Minuten, um rassistische Stereotype auf ebenso unterhaltsame wie schlagende Art zu attackieren. Dem US-Filmemacher war heuer eine Werkschau - die erste in Europa - gewidmet, die Oh Dem Watermelons, diesen Evergreen der US-Avantgarde, im Kontext von Nelsons Schaffen zeigen konnte.

Der Künstler, der sich und seine Filme einem solchen Unternehmen selbst Jahre lang entzogen hatte (einzelne Filme verarbeitete er etwa zu Objekten weiter, andere unterzog er einem Neuschnitt, einige fütterte er in den Reißwolf), erwies sich dabei als äußerst vielseitiger Zeitgenosse - mit unübersehbarem Hang zur spielerischen Brechung jedweder Erwartung an seine "Filmkunst":

Was in den 90er-Jahren in besagten Umarbeitungen (oder Verwerfungen) kulminierte, zeigt sich in einer von Film zu Film offenbar immer schon angelegten Lust an Um-und Neuorientierung, die das Werk - zwischen eigentümlichem Slapstick und vielschichtigen, nahezu lyrischen Kompositionen - einer klaren stilistischen Zuschreibung entziehen.

Bonus für das Wiener Kinopublikum: Fast alle in Oberhausen wiederzuentdeckenden Nelson-Filme werden am 11. und 12. Mai auch im Österreichischen Filmmuseum

Von Isabella Reicher

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52. Kurzfilmtage Oberhausen
  • "Limitations" (1988) vom US-Filmkünstler Robert Nelson - die eben in Oberhausen gezeigte Retrospektive gastiert ab Donnerstag im Österreichischen Filmmuseum.
    foto: filmmuseum

    "Limitations" (1988) vom US-Filmkünstler Robert Nelson - die eben in Oberhausen gezeigte Retrospektive gastiert ab Donnerstag im Österreichischen Filmmuseum.

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