Am Bodenuntersuchungsgerät

11. Oktober 2006, 22:24
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Eine Woche lang testete Guido Gluschitsch die Honda CBF 1000 - Gründlich wie er ist, untersuchte er sogar die Bremswerte des Rahmens

Nach dem großen Erfolg des Allround-Bikes CBF 600 bringt Honda, mit der CBF 1000, eine große Schwester auf Markt. Und das ist gut so. Nicht nur Fahranfänger wollen ein ideales Motorrad. Jene Fahrer, die der 600er-Sporttourer überdrüssig geworden sind, haben auch Geld für zwei Räder. Wenn die ständige Orglerei erst einmal angefangen hat zu nerven, schaut man sich bald nach mehr Hubraum um.

Was einen Drehmomentvergleich angeht, kann man sagen, dass wenn man von einer der Einsteiger 600er auf die große CBF wechselt, ist das, wie den Küchenmixer beim Baumarkt gegen einen Hechsler zu tauschen. Im Grunde ist danach alles gleich, nur auf einmal geht wirklich was weiter. Eine holprige Metapher, um die enorme Wendigkeit der Honda und den Schub auf den Punkt zu bringen, ich weiß, aber was soll’s.

Es war mir schon eine Freude, dass der Herr Fidler seinen bestimmt wohlverdienten Urlaub gerade auf die Woche legte, in der uns Honda die CBF bereitstellte. Fidler laborierte wohl noch am Fazer-Brezerl und schickte Nachrichten mit seltsamen Inhalt aus dem Süden: "schöne Vespas hier..."

Ich für meinen Teil wollte das sonnige Wochenende nutzen und trommelte drei Leute für eine Ausfahrt zusammen. Freunde, die nicht gleich an die große Glocke hängen, dass sie nach jeder Tour mit mir, Blasen auf den Füßen haben. Vom vielen im Kreis gehen, während sie warten bis ich aufschließe.

Lydia, Michael und ein gewisser Herr Pteppic versprachen zu schweigen und geduldig zu sein. Lydia bot sich sogar für den berüchtigten Soziatest an. "Wenn ich dann auch eine Runde mit der 1000er fahren darf!" Meine Frage, ob sie sich hinten drauf nicht fürchte – ich hab ja Todesängste wenn ich den Sozius spiele –, beantwortete sie souverän mit: "Nun ja, ich fürchte mich schon. Vor allem, dass ich dabei einschlafe."


Perfekt gelöst: Der Sozia-Test

Gleich zu Tourbeginn, setzten sich die beiden Gebückten an die Spitze. Dahinter versuchte ich nachzukommen – in meinem Windschatten kämpfte Pteppic damit, sich durch mich nicht ganz die Linie zerstören zu lassen. Die CBF hat das Zeug dazu die 600er Rennsemmeln ganz schön alt aussehen zu lassen. Mit der Honda war ich eindeutig mit dem besten Fahrwerk gesegnet. Schön ließ sich die Honda ohne Druck durch die Kurven zirkeln. Am Kurvenausgang war ich, dank des Drehmoments von 93 Nm, sowieso der Meister.

Dass der 1000er mit 72 kW ein paar Glühbirnen auf die R6-Geräte fehlten und sie mit dem Trockengewicht von 228 kg (mit ABS) doch ein paar Pfunderl mehr auf die Waage brachte, machte nichts. Der Grund warum ich die beiden ziehen lassen musste, war schlicht der, dass ich noch viel üben muss. Der Motor kommt so kraftvoll aus dem Drehzahlkeller, dass man ab und an versucht ist, zu schauen, ob nicht der Wanz Otto gerade hinten ein bisserl anschiebt. Dabei sind Leistung und Drehmoment des modifizierten Fireblade-Aggregats über das ganze Drehzahlband gleichmäßig abrufbar.

Der montierte Bridgestone BT 057 trieb mir schon ab und an das Wasser in die Augen, wenn er in den Kurven wegschmierte. Für den Tourenbetrieb sicher bestens geeignet, zeigt er sich, bei der Hatz mit den Supersportlern, als doch zu hart. Und weil ich ja ein gefürchteter Hosenscheißer bin, hab ich mich mitunter leise unter meinem Helm wimmern gehört. Aber ich muss auch sagen, die Lydia hat nach ihrer kleinen Runde mit der CBF nichts davon gemerkt, dass der Reifen rutscht.

Beim Hinterrad hat Honda zu Gunsten der Wendigkeit auf einen 160er gesetzt. In Kombination mit dem steifen Rahmen und dem sehr guten Fahrwerk ist das eine feine Sache. Es macht die CBF zur perfekten Allrounderin für jene, die gerne mit genügend Power unterwegs sind.

Beim ersten längeren Halt fragt Michael das vorgegebene Protokoll ab und wendet sich an Lydia, unseren Tourguide: "Was ist, hast dich jetzt schon verfahren, oder kommt das erst?" Mir war sofort klar, Lydia blieb nicht stehen, um gehänselt zu werden. Was Lydia wollte, war mit der Honda mitfahren. Um jeden Preis. Logisch, weil: "So lange du das nicht gemacht hast, bekommst du die CBF auch nicht." Und wirklich, Lydia stieg auf und wir fuhren ein Stück gemeinsam.

Sie war begeistert. "Die Fußrasten sind so angebracht, dass man wirklich angenehm sitzen kann. Das hält man ohne Probleme, über mehrere hundert Kilometer am Stück, aus. Man sitzt schön hoch und aufrecht, was in den Kurven gleich noch mehr Spaß macht, weil man die Schräglagen viel intensiver spürt, als wenn man selbst fährt."

Schweren Herzens löste ich mein Versprechen ein, für ein paar Kilometer die Motorräder zu tauschen und bückte mich auf Lydias kleinerem Joghurtbecher durch die Gegend. Jetzt ist die Floh – ja so nennt man die Lydia – nicht die Größte, hatte aber mit der Sitzhöhe von 795 mm kein Problem. Die Sitzbank der Honda ließe sich sonst auch noch um 15 mm nach oben oder unten zu verstellen. Auf längeren Autobahnstrecken würde es sich empfehlen, die Bank ganz oben zu arretieren – und das verstellbare Windschild gleich mit.

Ja, ich gebe zu, die CBF hat es mir optisch nicht angetan. Sie wirkt brav, ja fast bieder. Vielleicht, um sich ja an niemandes Grenzen des Geschmacks zu stoßen. Aber ab dem Augenblick, wo ich hinter Lydia herfuhr, fand ich das Bild, das sich mir bot, äußerst gelungen. Die Honda vermittelte sofort den Eindruck: "Spiel dich nicht mit mir – ich bin eine unendlich wendige Liter-Maschine" Lydia wirkte auf dem Motorrad ein wenig wie eine Cocktailkirsche auf einem fruchtigen, starken Cocktail. Süß, aber sehr gefährlich.

>>>Last Exit Brunn am Gebirge

Auf einmal störten mich die beiden Auspuffrohre, die für mein Empfinden zu tief angebracht und zu zierlich ausgefallen sind, nicht mehr. Schade eigentlich, dass man sich selbst so selten beim Fahren zuschauen kann. Sah ziemlich fesch und schnell aus, die Honda, wenn ich nicht drauf saß – und das muss ich schon sagen: Ihre Arbeit erledigen die beiden Kamine sehr gut. Honda unterbietet die Euro III-Abgasnorm, dank eigenem Katalysatorsystem.

Bei den Bremsen gibt es auch nur Lob zu verteilen. CBS, das Bremssystem von Honda, das bei Betätigung eines Bremskreises gleich einen Teil der Bremskraft auch auf den anderen Kreis verteilt, und das optionale ABS haben mich, schon am Vormittag, vor einem eher unangenehmen Abstieg bewahrt. War auch für die Lydia sehr ungewohnt, dass die CBF so gleichmäßig und vehement verzögerte. Das konnte ihre Supersport nämlich nicht, was mich zwar nicht in Sturzgefahr brachte, aber beim Anbremsen der ersten Kreuzung doch spitze Schreie ausstoßen ließ.

Eingebaut hab ich mich dann erst später – wieder mit der CBF. Das hat die Frau Seiner von Honda jetzt nicht so gefreut, dass ich ihr eine abgescherte Honda vor die Firma gestellt habe. Der Herr Fidler meinte nur: "Wäre nicht notwendig gewesen, dass du dich nach der Fazergeschichte mit mir solidarisch erklärst." Und was der am Gehsteig hupfende Zaungast sagte, in dessen Richtung ich mich gemütlich eindrehte, weiß ich nicht, weil er es vorgezogen hatte zu Hause die Unterwäsche zu wechseln, anstatt wenigstens zu fragen, ob den alles in Ordnung sei. Dabei trug ich eh mein Spiegelvisier. Oder war es der Regen, der den Passanten flüchten ließ?

Ja, es hat geregnet und es war verdammt rutschig. Ich bin am Vormittag, an jener Kreuzung in Brunn am Gebirge, schon ein wenig ins Wanken gekommen. Aber eingebrezelt hab ich mich dann erst am Abend. Ich meine, ich habe nur leicht das Gas gelupft.

Das gepriesene Drehmoment versuchte die Kraft auf den Boden zu bringen, aber der interessierte sich gerade nicht dafür. Die Honda heulte auf und das Hinterrad überholte mich auf der linken Seite. Weil ich fand, dass das jetzt nicht ginge, versuchte ich es wieder einzufangen. Das gelang mir auch recht gut, bis auf die Tatsache, dass die Honda dann auf die andere Seite quer stand. Da hab ich dann irgendwann beschlossen, dass das ein blödes Spiel sei und na ja, der Rest ist in den Asphalt von Brunn am Gebirge gekratzt.

Aber zurück zur Frau Seiner. Die gab sich ein wenig bekümmert. Sie hatte Angst, ich könnte die CBF jetzt schlecht in Erinnerung behalten. Ich konnte sie aber gleich beruhigen. Die CBF 1000 mit ABS ist ein gelungener Sporttourer – wendig, stark, mit einem stimmigen Fahrwerk und ausgezeichnete Bremsen. Er vermittelt Fahrfreude und eignet sich für die große Tour ebenso, wie für den Weg in die Arbeit. "Ja, und sie hat viel Drehmoment. Das darf man halt nicht unterschätzen, Guido", sprach sie und nahm mir lächelnd den Schlüssel und die Motorrad-Papiere ab. (Guido Gluschitsch, Fotos: Gluschitsch (2), Werk; derStandard.at, 11.5.2006)

Honda CBF1000

Preis: EUR 7.990,-
Aufpreis ABS: EUR 700,-

Motor: 4-Zyl.-Viertakt. Leistung: 72 kW/98 PS bei 8000 Umin., Max. Drehmoment: 93 Nm bei 6500 Umin. Antrieb: 6 Gang Kette. Fahrwerk: Teleskopgabel vorne, Pro-Link-Schwinge hinten. Bremsen: Doppel-Scheibe vorne, eine Scheibe hinten. Trockengewicht: 220 kg (inkl. ABS: 228 kg), Sitzhöhe: 795 mm. Tank: 19 Liter.

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Honda

  • Tests jenseits aller Limits: Guido Gluschitsch für derStandard.at.
    foto: gluschitsch

    Tests jenseits aller Limits: Guido Gluschitsch für derStandard.at.

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