Komatös, aber richtig

17. Mai 2006, 14:22
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US-Neurologe Wijdick kritisiert Darstellung von Zuständen tiefer Bewusstlosigkeit in Filmen: Trivialisierung und Irreführung

Rochester - Kinofilme missinterpretieren den Zustand tiefer Bewusstlosigkeit gröblich. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie von einem der führenden amerikanischen Neurologen gekommen. Eelco Wijdicks von der Mayo Clinic fand nur zwei Filme, "Die Affäre der Sunny von B." ("Reversal of Fortune", 1990) und "Liebe das Leben" ("Dreamlife of Angels", 1998), die diesen Zustand richtig darstellten. Im Rest der untersuchten Filme werde eine ungeheuerliche Karrikatur eines Komas gezeigt. Der Wissenschaftler warnt in "Neurology", dass diese falschen Darstellungen einen Einfluss auf die Einschätzungen der Seher im Alltag haben könnten.

Kriterien

Die Studie fand Ungenauigkeiten bei der Darstellung des Komas und auch beim Erwachen aus der Bewusstlosigkeit. Wijdicks analysierte gemeinsam mit seinem Sohn Coen 30 Filme, die zwischen 1970 und 2004 auf den Markt kamen und die eine längeren Zustand tiefer Bewusstlosigkeit zeigten. Die Genauigkeit der Darstellung wurde an Hand der Erscheinung des Patienten, der Komplexität der Pflege, der genauen Ursache des Komas, der Wahrscheinlichkeit des Erwachsens und der Diskussionen zwischen den Ärzten und Familienmitgliedern bewertet.

Kontrollgruppe bemerkte wenig Ungenauigkeiten

Die Forscher zeigten 22 Szenen aus 17 Filmen einer Gruppe von Experten in der Behandlung von komatösen Patienten und einer Kontrollgruppe. Abgesehen von erwähnten zwei Filmen fand der Neurologe in weiteren 28 Filmen ernste Mängel. Zum Beispiel wurde häufig ein wundersames Erwachsen gezeigt, vielfach innerhalb von Sekunden - und ohne bleibende Auswirkungen. Häufig fehlen Sonden für die künstliche Ernährung, werden unrealistische Muskelkonraktionen gezeigt, gibt es keine Hinweise auf einen Luftröhrenschnitt zur Unterstützung der Atmung. Allgemein bleiben komatöse Patienten in Filmen muskulös, gebräunt und gepflegt. Viele Mitglieder der Kontrollgruppe waren nicht in der Lage, die Ungenauigkeiten in der Darstellung zu erkennen. 39 Prozent gaben jedoch zu, dass diese Schilderungen ihre Einschätzungen im wirklichen Leben beeinflussen könnten.

Warnung

Wijdicks betonte, dass derartige Ungenauigkeiten ein längeres Koma trivialisierten und nahelegten, es handle sich nur um einen Schlafzustand wie bei Dornröschen. Zusätzlich wurden die behandelnden Ärzte im Großteil der Filme anmaßend, sarkastisch, abgehoben und wenig mitfühlend dargestellt. Der Neurologe betonte, dass es nicht um eine Kritik an den Filmemachern ging, sondern um ein Bewusstmachen des Ernstes der Situation von Menschen im Koma und ein Bewusstsein einer möglichen Irreführung durch eine unrealistische Darstellung. (pte)

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Mayo Clinic

Neurology
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Abstract
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    Allgemein bleiben komatöse Patienten in Filmen muskulös, gebräunt und gepflegt, stellten Vater und Sohn Wijdick in der Studie über Koma im Film fest.

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