Nürnbergers Abschiedsrede: "Schwerste Krise seit 1945"

13. Juni 2006, 21:27
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Metaller-Chef verabschiedet sich mit Appell zur Reform - Nachfolger Foglar: Finanzierung nur mehr durch Mitgliedsbeiträge

Wien - Metaller-Chef Rudolf Nürnberger hat sich Dienstag Nachmittag mit einem Reform-Appell für den ÖGB von seiner Gewerkschaft verabschiedet. Die Zeiten, wo sich die Diskussionen nur im Kreise gedreht hätten, müssten vorbei sein: "Das können wir uns nicht mehr leisten", erklärte er am Fusions-Gewerkschaftstag von Metallern und ANG (Agrar-Nahrung Genuss) bei seiner letzten großen Rede nach 18 Jahren im Amt, die er mit tränenerstickter Stimme beendete: "Ich war immer ein Metaller und werde immer ein Metaller bleiben" - eine Aussage, die von den Delegierten mit Standing Ovations bedacht wurde.

Nürnbergers Nachfolger als Metaller-Chef, Erich Foglar, meinte am Dienstag im Ö1-Mittagsjournal, dass sich der ÖGB künftig ausschließlich über Beitragszahlungen finanzieren müsse. Mitgliedsbeiträge würden die Unabhängigkeit der Gewerkschaft garantieren, es dürfe keine Abhängigkeit von Dividenden mehr geben.

Struktur

Keinen Zweifel ließ Nürnberger an der schwierigen Situation für den Gewerkschaftsbund: "Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, wir sind in einer Krise. Die Struktur des ÖGB kann und wird nicht mehr die gleiche sein wie jetzt. Alles ist zu hinterfragen. Die Strukturen wird es in dieser Form nicht mehr geben."

"Unfassbare Spekulationsgeschäfte"

Die Ereignisse rund um die Bawag bezeichnete Nürnberger als "unfassbare Spekulationsgeschäfte und Machenschaften, die ich nie für möglich gehalten habe." Und noch immer sei nicht klar, ob nicht noch "weitere Hiobsbotschaften auf uns zukommen".

Da er sich aber Österreich ohne Gewerkschaftsbund nicht vorstellen könne, müsse jetzt schnell gehandelt werden: "Wir haben keine Sekunde Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken oder uns zu verstecken." Jetzt gelte es rund um die Uhr nachzudenken und zu diskutieren, "wie wir einen neuen ÖGB bauen". Diskussionsvorschläge - auch jene die über die Medien kämen - seien willkommen und ernst zu nehmen. Die Reform müsse auf breiter Basis stehen.

Handlungsfähig

Freilich stellte Nürnberger klar, dass der ÖGB auch in dieser "schwersten Krise seit 1945" handlungsfähig sei: "Jeder wird auch in Zukunft die Entschlossenheit der Gewerkschaft sehen, wenn es darum geht, die Rechte der Kollegen zu vertreten."

Auf seine 18-jährige Amtszeit zurückblickend betonte der über viele Jahre als mächtigste Mann im ÖGB geltende Nürnberger, alles Erreichte sei gemeinsam erreicht worden: "Als einzelner ist man in der Gewerkschaft nicht mächtig." Für die Zukunft prophezeite er, dass weitere Flexibilisierungsschritte sicher notwendig sein würde, um den Standort zu sichern. Allerdings müssten diese auch Vorteile für beide bringen - und nicht nur die Dienstgeber.

Abschiedsgäste

Zum Nürnberger-Abschied waren die Chefs fast aller Einzelgewerkschaften gekommen. Einzig der Vorsitzende der Eisenbahner, Wilhelm Haberzettl, hatte sich entschuldigen lassen. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) und Sozialministerin Ursula Haubner (B) kamen der Einladung der Metaller ebenso wenig nach wie der Klubobmann der ÖVP Wilhelm Molterer. Dafür zeigten sich SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer, Grünen-Sozialsprecher Karl Öllinger, Alt-Gesundheitsminister Kurt Steyrer, der ehemalige Handelsminister Josef Staribacher, der frühere Metaller-Chef Sepp Wille sowie der Wiener Polizeipräsident Peter Stiedl im Wiener Austria Center. (APA/red)

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    Nürnberger bei seinem Abschied: "Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, wir sind in einer Krise."

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