Der Verbindungsmann der Welten

14. Mai 2006, 03:58
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Der brasilianische Autor Paulo Lins im STANDARD-Interview über die Ursprünge der Parallelwelten im Rio de Janeiro von heute

Der brasilianische Autor Paulo Lins schreibt an einem neuen Roman über die Ursprünge der Parallelwelten im Rio de Janeiro von heute. Im Gespräch mit Adelheid Wölfl setzt er auf eine stärkere Integration Südamerikas.

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STANDARD: Ihr Buch "Die Stadt Gottes" ist aus der Perspektive eines Menschen geschrieben, der aus den Favelas kommt. Ihr neuer Roman auch?

Lins: Es geht um zwei Geschichten, die eine findet in der heutigen Zeit statt, in der akademischen Welt. Die Hauptfigur ist die Studentin Christina, die im Rahmen ihrer Magisterarbeit über die Entstehung des Sambas in den 20er-Jahren im Stadtteil Estacio in Rio de Janeiro forscht. Die zweite Geschichte spielt selbst in den 20er-Jahren. Das war nicht so geplant, in der Literatur passieren die Dinge. Aber es stimmt, ich bin selbst aus den Favelas und ich komme auch aus dem akademischen Bereich. Ich bin eigentlich diese Verbindung.

STANDARD: Als "Die Stadt Gottes" erschien, haben Kritiker gemeint, diese Welt, die Sie beschreiben, gebe es so gar nicht. Ist es die Suche nach diesen Parallelwelten, die Christina in die Favelas treibt?

Lins: Richtig. Wenn man zurückgeht in die 20er-Jahre, dorthin wo der Samba von den Schwarzen entwickelt wurde, trifft man auch auf den Afrokult Umbanda, der damals entstanden ist. Das war eine in sich geschlossene Welt. Andererseits lebt Christina im Rio de Janeiro von heute. Sie kommt aus ganz armen Verhältnissen, hat es aber in die akademische Welt geschafft.

STANDARD: In der "Stadt Gottes" beschreiben Sie Gewalt sehr direkt. Wie ordnen Sie sie ein?

Lins: Diese Gewalt gibt es wegen der sozialen Ungleichheit. Der Reichtum basiert auf dem Sklavenhandel. Und die, die heute in schlechten Verhältnissen leben, sind die Schwarzen und die Nachfahren der indigenen Bevölkerung. Die Waffen der Kinder in den Favelas kommen aus Österreich, aus Frankreich, aus Schweden, aus Russland, aus den USA. Gleichzeitig sind die internationalen wirtschaftlichen Beziehungen nicht ausgeglichen. Es gibt keine Gleichheit im freien Handel.

STANDARD: Hugo Chávez gewinnt in Südamerika an Einfluss. Was halten Sie davon?

Lins: Er ist ein polemischer Politiker, für die Integration Südamerikas aber interessant. Weil er das Erdöl auf seiner Seite hat, kann er die USA konfrontieren. Mit Venezuelas geplantem Beitritt stärkt er den Mercosur. Und das fördert Gerechtigkeit. Denn das gleiche, was die USA und Europa mit Südamerika machen, das geschieht auch in Südamerika: die reichen Länder profitieren von der wirtschaftlichen Ungleichheit und Brasilien ist eines dieser Länder. Lula hat aber begonnen, daran zu arbeiten, die soziale Kluft im Land zu vermindern.

STANDARD: Lulas Arbeiterpartei (PT) machte in jüngster Zeit vor allem wegen Korruptionsskandalen von sich Reden.

Lins: Seit Brasilien Brasilien ist, gibt es diese Korruption, nun unter Lula wird das bekannt. Neu ist, dass die PT an der Macht ist und das dort auch passiert. Aber alle Wahlkampfgelder tauchten bisher in keiner Buchhaltung auf.

STANDARD: Wann kann man Ihr neues Buch lesen?

Lins: Die Hälfte ist schon fertig. Laut Vertrag habe ich noch ein Jahr und 10 Monate Zeit. Und ich höre jetzt auf zu reisen, das stört das Schreiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2006)

Ziur Person

Anthropologe Paulo

Lins (48) veröffentlichte 1997"Die Stadt Gottes", 2002 wurde der Roman von Spike Lee verfilmt.

  • Der brasilianische Autor Paulo Lins kommt zum Lateinamerika- 
Festival "Onda Latina" nach Wien.
    foto: onda latina

    Der brasilianische Autor Paulo Lins kommt zum Lateinamerika- Festival "Onda Latina" nach Wien.

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    foto: onda latina
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