Flaches Internet oder rundes Erdöl

9. Juni 2006, 14:36
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Der US-Starjournalist Thomas Friedman zeichnet in "The World is Flat" ein euphorisches Bild der globalisierten Wirtschaft

Der US-Starjournalist Thomas Friedman zeichnet in "The World is Flat" ein euphorisches Bild der globalisierten Wirtschaft. In Budapest stellte er sich der Debatte mit seinem Kritiker John Gray. Eric Frey war dabei.

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Er habe sich nach dem 11. September 2001 nur mit Nationalismus und religiösem Fanatismus beschäftigt und sei eher zufällig im Jänner 2004 in der indischen Hightech-Metropole Bangalore gelandet, erzählt Thomas Friedman die Genesis seines jüngsten Bestsellers "The World is Flat".

Dort sei er auf Unternehmer gestoßen, die bereit waren, seine Steuererklärung zu machen, Software zu schreiben und sein von Delta verlorenes Gepäck wiederzufinden - und das zu einem Bruchteil der Kosten von US-Konkurrenten. "Mir wurde schlecht, denn während ich geschlafen habe, hat sich die Welt verändert."

Für den Starkolumnisten der New York Times war es rasch klar: Die Welt hat die dritte Stufe der Globalisierung betreten - nach der Globalisierung der Nationalstaaten (von 1492 bis 1800) und der Konzerne (1800 bis 2000) sei nun die Globalisierung der Individuen angebrochen, die es jedem gebildeten Inder und Chinesen erlaubt, mit Amerikanern und Europäern zu konkurrieren.

Das ökonomische Spielfeld, und damit die ganze Welt, sei durch den technologischen Fortschritt und andere Faktoren (siehe Kasten unten) "flach" geworden, betonte Friedman am Wochenende in einem Workshop an der von George Soros gegründeten Central European University in Budapest, wo er auf den politischen Philosophen John Gray von der London School of Economics und andere intellektuelle Kritiker traf.

Hunger auf Jobs

Doch gerade seine Landsleute seien für diesen Wettbewerb nicht vorbereitet, "Früher haben Eltern ihren Kindern gesagt: Iss deine Suppe auf, denn Kinder in Indien haben Hunger. Heute müssen sie sagen: Mach deine Hausaufgabe, denn die Kinder in Indien haben Hunger auf deinen Job."

Friedmans Buch ist seit seinem Erscheinen vor einem Jahr zur Bibel der Globalisierungsbefürworter geworden. Denn der Journalist macht keinen Hehl daraus, dass er die neue "flache Welt" begrüßt, gerade weil sie den armen Ländern neue Chancen bietet. "Der Kapitalismus ist das grausamste und brutalste Wirtschaftssystem, das es gibt - außer den anderen." Für ihn sind die Helden die Unternehmer der New Economy in den USA und Indien - Bill Gates, Michael Dell oder Infosys-Chef Nandan Nilekani, der Friedman die Idee für den Buchtitel gab. Staaten, Regierungen und Politik spielen für ihn nur eine Nebenrolle.

Gerade daran stößt sich Gray, der Friedman in der New York Review of Books kritisiert hat. In seiner "runden Welt" sind die Staaten, nicht die Unternehmer die Hauptakteure und der Nationalismus die wichtigste Kraft hinter den ökonomischen Umwälzungen der letzten Jahre. "Was treibt die Industrialisierung Chinas? Nicht der freie Markt und der Rechtsstaat, sondern der Nationalismus der Chinesen und ihr Stolz auf ihre alte Kultur."

Wie schon im 19. Jahrhundert werde die Weltwirtschaft vom Kampf um Ressourcen, vor allem ums Erdöl, dominiert, zeigte sich Gray überzeugt. Staaten hätten immer schon mit Konzernen zusammengearbeitet - im britischen Imperialismus wie im heutigen Russland. "Die Aktivitäten von Gasprom sollten uns nicht überraschen." Nicht Bytes, sondern Barrels seien der Treibstoff der Globalisierung, und diese sei heute nicht anders als vor 200 Jahren.

Gray macht sich weniger um die Wettbewerbsfähigkeit des Westens Sorgen als um die Folgen des Klimawandels, weshalb er sich nun für die Atomkraft einsetzt. Technologischer Fortschritt sei notwendig, um diese Probleme zu lösen, er würde aber keine bessere Welt schaffen. "Ich präsentiere keine alternative Vision, sondern nur einen bescheidenen Appell, die Gefahren vorauszusehen und zu mildern." Nur ein solcher Realismus könne die Vorteile der Globalisierung sichern.

Auch Friedman räumte ein, dass die Geschichte kein unaufhaltsamer Marsch in eine glorreiche Zukunft sei. Aber er sei ein technologischer Determinist ("alles was machbar ist, wird gemacht") und bekenne sich zum Optimismus. Die akademische Welt sei grundsätzlich pessimistisch, kritisierte er. "Aber große Veränderungen waren immer das Werk von Optimisten."

Kritik an Friedman kam von zahlreichen anderen Diskutanten. Die indische Anthropologin Shalini Randeria von der Universität warf ihm vor, "über die Sieger und für die Sieger" der Globalisierung zu schreiben und die vielen Verlierer zu ignorieren - etwa die 500.000 Inder, die jedes Jahr für Infrastrukturprojekte wie Straßen ausgesiedelt werden.

Der Franzose Jean-Jacques Salomon warf Friedman Naivität vor. "Der Optimismus der Amerikaner geht davon aus, dass immer alles neu ist. Aber Friedmans Vision erinnert an das Mittelalter. Für die Zisterzienser-Klöster war die Welt schon ausgesprochen flach." Salomon weiter: Wäre alles heute flach, "dann wäre der Irak eine Demokratie und Hamas Israels Partner. Aber die neuen technologischen Plattformen haben die menschliche Natur nicht verändert."

Die Wiener Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny betonte, dass die "flache Welt" zwar Kollaboration, aber nicht unbedingt Kooperation mit sich bringt. Man müsse die Bedingungen der Zusammenarbeit genauer untersuchen, um die Folgen abzuschätzen.

Patriotischer Weckruf

In seiner Antwort auf die Kritiker beschrieb Friedman sein Buch als patriotischen Weckruf an seine Heimat, endlich mehr zur Verbesserung des Bildungswesens zu tun. Auch hier habe er Grund zur Hoffnung: Überall in den USA werde über das Schulwesen gesprochen, und wo immer er in der Welt hinreise, "glauben alle, dass gerade sie im Hintertreffen sind". Es entstehe ein globaler Dialog und ein neuer Konsens: "Die Amerikaner wollen ihr System rigoroser machen, die Chinesen suchen mehr Innovation."

Friedman warnte Universitäten davor, nur noch Ingenieure auszubilden und die Geisteswissenschaften zu vernachlässigen. Dies sei auch demokratiepolitisch gefährlich. Denn "für eine gesunde Demokratie müssen die Technikstudenten auch in der Band spielen". (DER STANDARD, Printausgabe, 8.5.2006)

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    Das Callcenter im indischen Bangalore ist für Thomas Friedman ein Hauptschauplatz seiner "flachen Welt".

  • Infografik: Öl gegen Elektronik

    Infografik: Öl gegen Elektronik

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    Eine russische Gas-Verdichterstation: Für John Gray dreht sich die Weltwirtschaft um Energie.

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