Hofmarathon

10. Mai 2006, 09:15
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Wenn andere 42 Kilometer weit laufen, motiviert das sogar Kinder, nächstes Jahr mitlaufen zu wollen - Beinahe zumindest

Es war zu Mittag. Da haben die beiden Mädchen unserer Nachbarin dann sogar ihre fröhliche Prinzessinnenattitüde vergessen. Und das will was heißen. Aber es galt ja auch, sich vorzubereiten. Für nächstes Jahr. Weil die beiden nächstes Jahr mit dabei sein wollen. Und werden. Ganz bestimmt.

Weil es nie zu früh ist, mit dem Training zu beginnen, rasten die Fünf- und die Siebenjährige Sonntagmittag im Hof im Kreis – und kreischten fröhlich "Marathon, Marathon". Und es lag, tröstete die Großmutter die beiden, als sie nach der vierten oder fünften Hofrunde völlig außer Atem stehen blieben, nur am Marathon-Gebrüll, dass sie es nicht doch so lange ausgehalten hatten, wie die Leute, die da im Fernsehen federleicht (und fast genau vor dem Haus, auf der anderen Seite des Flusses, etwas angestrengter, aber dafür viel echter ) ebenfalls liefen.

Zuschauerinnen

Die Prinzessinnen waren nämlich soeben zurück gekommen. Vom Marathon-Schauen. Der Freund der Mutter und die Großmutter waren mit ihnen hinüber gegangen. Um die Westausfahrt einmal autofrei zu erleben. Als die beiden Mädchen eine Stunde lang in den immer dichter werdenden Läuferpulk gestarrt hatten, waren sie im Lauffieber. Und begannen sofort mit dem Training: Die Großmutter – bewaffnet mit zwei Flaschen Limonade - fungierte als Labungsstelle, Mamas Freund als strenger Streckenposten (vor allem die Kleinere versuchte jede Runde auf halbem Weg durch regelwidriges Verhalten abzukürzen).

Der Rest des Hauses bekam – auf Balkonen, Fenstern und Terrassen – die anfeuernde Publikumsrolle zugeteilt: Zum Glück herrscht hierzuhof der Konsens, dass Kinderlachen kein Lärm ist. (Einschub: Als ehemaliger Gemeindebaubewohner weiß ich, dass das viel wert ist. Darum freute ich mich auch, als der Freund der Mutter den Mädchen später Maipfeiferln schnitzte. Ich freute mich aus Prinzip. Und weil Instrumenteselberschnitzen auf der Liste der bedrohten urbanen Familienfreizeitbeschäftigungen steht.)

Sportpädagogik

Einzig die Großmutter war sich ob der Kindermarathonbegeisterung der Nachbarn nicht ganz so sicher – verpackte das "Psst!" aber in eine sportpädagogisch wertvolle Lektion: Beim Laufen käme es darauf an, möglichst keine Energie zu verschwenden. Die Mädchen hätten ja soeben selbst gesehen, dass die meisten LäuferInnen mit konzentrierten, fast ernsten Gesichtern vorbeigezogen seien. Auf den Applaus habe kaum jemand sichtbar reagiert – und wenn überhaupt, hätten erst die später und langsamer Laufenden miteinander Schmäh geführt.

Das ältere Mädchen sah die Oma wissbegierig-interessiert an. (Seit sie in die Schule geht, gefällt sie sich in dieser Pose.) Die Jüngere aber schüttelte den Kopf: Nur rennen, ohne zu lachen, zu rufen und zu springen? Das klänge aber doch einigermaßen fad. Erwachsene wären manchmal echt komisch. So würde ihr Marathon eigentlich keinen Spaß machen.

Ernsthaft und ehrgeizig

"She is right: Hardly anybody was dressed up or seemed to have fun", kam vom Londoner Besuch unseres Nachbarbalkons. Beim Marathon in London ("I ran there. Twice.") wären zwar auch nicht nur Clowns unterwegs – aber "the Mix" wäre halt lustiger. Ich simulierte Patriotismus – und schob die Schuld dieses Wien-Bildes auf die Fernsehregie: Der ORF habe schließlich auch heuer wieder kaum Bilder von Nicht-LeistungssportlerInnen gebracht. Aber im Grunde war ich glücklich: Schließlich habe ich damit jetzt schon ein ziemlich unschlagbares Argument, auch nächstes Jahr nicht zu laufen.

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von Thomas Rottenberg

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