Zwischen Sekt und Seele

8. Mai 2006, 11:50
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Die Austria hat es gepackt. Sogar überzeugend. Schinkels und Stöger wirkten nach dem Erfolg trotzdem ein wenig angespannt

Wien - Frenkie Schinkels sollte später erzählen, dass er geweint hat. Der Trainer roch da bereits nach einem Sektkübel. Wird eine Fußballmannschaft, zum Beispiel die Wiener Austria, Meister, müssen sich die beteiligten Lebern etwas gedulden. Es kommt quasi zum Alkoholmissbrauch. Man verspritzt ihn, schüttet sich damit gegenseitig an, badet darin. Das sind eher äußerliche Prozesse.

Schinkels war innerlich absolut nüchtern. In solch prägenden Momenten lässt man vor der Sau die Seele raus. Da wird das entscheidende 2:1 gegen Wacker Tirol sicher nicht groß analysiert. "Als mich meine Kinder umarmt haben und mir gesagt haben, dass sie stolz auf den Papa sind, flossen die Tränen."

Draußen im Horr-Stadion wurde gebusselt, getanzt, die legendäre Hymne vom "Fußball, der heimkommt" gesungen. Mindestens so laut wie falsch wie sympathisch. Liga-Präsident Martin Pucher hatte am Samstag, um 20:38 Uhr, die Schale überreicht.

Danke Didi

Dieser Titel schreit förmlich danach, aufgearbeitet zu werden. Schinkels tat es, Sportdirektor Peter Stöger versuchte es. Nach der Seele und vor der Vernichtung (fand im Volksgarten statt) muss die Genugtuung sein. Der Trainer packte einen Zettel aus, darauf war ein Zeitungsartikel kopiert, in dem die zehn Kapitäne ihre Tipps abgebenen haben. Acht sahen in Salzburg den neuen Meister. Der Mattersburger Didi Kühbauer begründete das so: "Weil die Bullen mehr Herz als die Söldner von der Austria haben." Schinkels war nachhaltig erbost: "Was bildet sich der Herr ein. Das war für uns alle Motivation genug."

Stöger wirkte ernst, bewältigte seine Vergangenheit: "Wir wurden angezählt, Kritiker behaupteten, wir seien nur noch im Amt, weil Stronach die Austria gar nicht mehr interessiert. Und nun stehen wir mit einem Titel da. Weil wir Tugenden wie Zusammenhalt, Ehrgeiz, Herz, Einsatz und Professionalität gezeigt haben. Wie Rapid im Vorjahr."

Schinkels teilte diese Einschätzung, er sah sich in seiner Philosophie bestätigt: "Dazu gehört auch, dass man nicht die Hand beißt, die einen füttert. Ich widme den Titel Frank Stronach."

Jocelyn Blanchard ist Kapitän und Philosoph auf dem Platz. Dem 34-jährigen Franzosen, der im defensiven Mittelfeld abräumt, wurde die Schleife erst im Winter umgebunden. Ernst Dospel, das Urgestein, musste sie abgeben. Schinkels: "Im Fußball ist kein Platz für Sentimentalitäten." Blanchard wurde übrigens von den Präsidenten, Managern und Trainern zum besten Kicker gewählt, Joey Didulica zum tollsten Tormann. Der Kapitän wurde erstmals Meister, mit Lens, Metz und Juve ist er gescheitert. "Die Austria ist ein spezielles Team. Jeder respektiert jeden, niemand ist arrogant."

Stöger muss in den nächsten Tagen das Sparprogramm umsetzen, einige Spieler werden die Austria verlassen (müssen). Vermutlich auch Libor Sionko, der den ihm angebotenen Einjahresvertrag kaum akzeptieren dürfte.

Am Dienstag steigt im Happel-Stadion das Cupfinale gegen Mattersburg, der Kühbauer, sagt Schinkels, soll sich warm anziehen. Am Sonntag wird auf dem Rathausplatz ab 15 Uhr die Sau öffentlich rausgelassen. Die letzte Meisterschaftspartie am Vortag in Pasching ist an Wichtigkeit gewiss überbietbar. Schinkels: "Vielleicht lenke ich den Bus selbst." Und Stöger meinte noch: "Genieße den Moment, denn in zwei Monaten regnet es uns eh wieder rein." (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 8.5. 2006)

  • Joey Didulica badet in der Menge.

    Joey Didulica badet in der Menge.

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