Downtown L.A. ganz oben

12. Juli 2006, 16:32
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Einst Synonym für Armut, ist Downtown Los Angeles mittlerweile der heißeste US-Immobilienmarkt

Jeden Abend sieht man ihn, wie er auf dem Rückweg vom Büro Schoßhündchen zählt. Der Mann ist nicht irgendein dahergelaufener Tiernarr, sondern Vater einer Renaissance, die kaum einer für möglich gehalten hätte - der Wiedergeburt von Downtown Los Angeles. "Haustiere sind der beste Erfolgsindikator, sie zeigen wie viele Leute mittlerweile hier leben", schmunzelt Tom Gilmore.

1988 reiste der New Yorker Gärtner zum ersten Mal nach Los Angeles. Eher aus einer Laune heraus verschlug es ihn von den beschaulichen Palmenoasen am Pazifik in das Innere der Megalopolis. Alles, was Gilmore dort sah, war eine Geisterstadt, in der die Berufspendler morgens in die Tiefgaragen der glitzernden Wolkenkratzer fuhren und abends wieder raus. Die Eingänge der historischen Firmenzentralen waren mit Sperrholzplatten vernagelt. Auf den Bürgersteigen campierten Obdachlose in Pappkartons. In den ehedem pompösen Hotels lebten Sozialhilfeempfänger.

Bis in die 50er-Jahre hinein war Downtown Los Angeles ein pulsierendes Finanz- und Unterhaltungszentrum. Doch dann besiegelte das Auto den Untergang. Der mobilisierte Mittelstand kehrte der Steinwüste den Rücken. Downtown verkam zu einem Auffangbecken für all die, die sonst nirgendwo geduldet wurden. Doch Gilmore ließ sich nicht durch das Elend beirren: "Ich wusste sofort: Das hier ein Brachland, das es zu bestellen gilt", sagt er.

Juwel zum Spottpreis

Der Gärtner lieh sich Geld zusammen und kaufte gleich zehn heruntergekommene Architekturjuwelen. Der neoklassizistische Stammsitz der Farmers & Merchants Bank kostete ihn einen Spottpreis von 100.000 Dollar. Heute ist das Gebäude 100 Mio. wert. Ähnlich gut rentieren sich die anderen Investments. Die Vermietungsquote von Gilmore & Associates ist 99 Prozent.

Seit dem Gilmore-Coup drängen immer mehr Spekulanten in den Markt, die Preise sind um 3900 Prozent explodiert. 7000 Lofts und Eigentumswohnungen sind entstanden, weitere 27.000 in Planung. Für manche Wohnhäuser gibt es jahrelange Wartelisten. Der Erfolg gründet auf einem eher ungewöhnlichen Konzept: Das neue Downtown orientiert sich am Flair europäischer Innenstädte. Direkt neben der durch Stararchitekt Frank Gehry erbauten Walt Disney Concert Hall entsteht eine 1,2 Milliarden Dollar teure Einkaufsmeile mit exquisiten Boutiquen. Die Dependance des noblen Standard Hotels lockt mit Gartenterrasse statt Airconditioning. Die avantgardistischen Vernissagen an der Gallery Row machen weit über die Stadtgrenzen hinaus von sich reden.

Boom wird Künstlern zum Verhängnis

Vonn Summer war kurz davor, seine brotlose Malerkarriere an den Nagel zu hängen, als er an einer Gruppenausstellung in einer leer stehenden Lagerhalle in Downtown teilnahm. Dabei traf er auf einen Spekulanten, der ihm eine eigene Galerie für einen symbolischen Pachtbetrag anbot. John sagt: "Die Spekulanten haben sehr gut erkannt, dass zahlungskräftige Mieter nur dann übersiedeln, wenn man ihnen etwas anderes bietet als die hier so typischen, einheitlichen Kaufhausketten." Die Pharmaka Art Galerie des 29-Jährigen ist mittlerweile zwei Jahre alt und er kann gut davon leben.

Wie lange noch, ist allerdings fraglich. Der quasi Null-Mietvertrag läuft Ende des Jahres aus. Vonn weiß, dass seine Gönner jetzt deutlich mehr Pacht verlangen können: "Wir Künstler haben ihnen zu einem Boom verholfen, der jetzt vielleicht unser Verhängnis wird."

Dann schaut der Maler raus auf die Straße. Dort schiebt ein Mann einen Einkaufswagen voller Lumpen und Plastiktüten vor sich her. Er ist einer der 11.000 Obdachlosen, die fünf Jahrzehnte lang das Gesicht von Downtown Los Angeles geprägt haben. An ihnen ist der Aufschwung komplett vorübergegangen. Während 12 Mrd. Dollar in die Wiederinstandsetzung von Immobilien flossen, stagniert das Jahresbudget für die Bekämpfung der Obdachlosigkeit in Downtown Los Angeles weiterhin bei 41 Mio. Dollar - das sind relativ gesehen 16 Mio. weniger als in Manhattan. (Beatrice Uerlings aus Los Angeles, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.5.2006)

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    Die von Stararchitekt Frank Gehry (Bild) entworfene Walt Disney Concert Hall wurde zum Symbol der wieder auferstandenen Innenstadt von L.A.

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