Nur die Mona Lisa lächelt...

8. Mai 2006, 08:10
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Als "The Da Vinci Code" kommt der Thriller Ende Mai in die Kinos: Ein Besuch im Louvre und der Kirche Saint-Sulpice, zwei Hauptschauplätzen der Geschichte, kann Fans ernüchtern

Abends, das weiß seit Dan Brown jedes Kind, herrscht im Louvre-Museum eine "geradezu bedrohliche Atmosphäre". Lange Schatten kriechen aus allen Ecken, und die sonst so hohen Gewölbedecken wirken wie eine drückende schwarze Leere. So steht es auf Seite 39 der Ausgabe von Sakrileg/The Da Vinci Code. Doch siehe da: Bei der Nocturne-Führung an einem lauen Mai-Abend klappern niemandem die Zähne, als der Historiker Jacques Le Roux auf das Ende der über 200 Meter langen Großen Galerie zeigt. "Hier situierte Brown den Caravaggio, den das Mordopfer im ersten Satz des Thrillers herunterreißt. Und dort, genau fünf Meter weiter, war ihm zufolge das Sperrgitter, das auf der ersten Buchseite 'mit dröhnendem Krachen' heruntersaust."

Besucher schmunzeln: Von Caravaggio und Sperrgitter ist nichts zu sehen, im nächsten Saal lächelt auch die Mona Lisa. Dabei hat ihr Dan Brown so manches Lügenmärchen angedichtet, darunter ein Anagramm der altägyptischen Götter Amon und Isis. Das hinderte den Autor nicht, im Thriller zu behaupten, "sämtliche" Kunstwerke und Gebäude seien wahrheitsgetreu wiedergegeben.

Le Roux sieht darüber hinweg. Diplomatisch zwirbelt er an seiner Fliege, als sich ein Besucher nach den Toiletten erkundigt, weil dort die Hauptfigur im Da Vinci Code seine Wanze aus dem Fenster auf ein Fahrzeug warf, um die Polizei in die Irre zu führen. "Leider weist kein WC des ganzen Louvre-Gebäudes ein Fenster auf", hüstelt Le Roux.

Eine Französin erhitzt sich: "Das ist Betrug!" Aber Le Roux meint: "Dafür hat der Roman viele Besucher angezogen, die sonst nie einen Fuß in den Louvre gesetzt hätten." Tatsächlich: Der Louvre registrierte im vergangenen Jahr mit 7,3 Millionen Besuchern einen neuen Rekord, und Verwaltungsdirektor Didier Selles führte das nicht zuletzt auf den Da Vinci Code zurück.

Für die Zeit nach dem Filmstart bereitet sich Le Roux auf einen neuen Ansturm vor. Eine junge Museumsangestellte namens Alexandra, die Touristenmassen zum Thriller-Schauplatz im Denon-Flügel lotst, erzählt von den Filmaufnahmen. Der Regisseur habe nicht einmal die Erlaubnis erhalten, auf die Mona Lisa einen einzigen Scheinwerfer zu richten. "Und trotzdem", so Alexandra, "zahlten die Produzenten dem Louvre 1,5 Millionen Euro, dass sie im Museum filmen durften."

Auf dem anderen Seine-Ufer kreuzt man an der Place Saint-Sulpice kein "trauriges Häuflein minderjähriger Nutten", wie Brown schreibt, sondern höchstens Catherine Deneuve, die am Platz eine Wohnung hat. Sie erspäht viele Kirchenbesucher. Hier gehen vor allem Amerikaner ein und aus, seitdem der Albino aus dem Da Vinci Code die Ordensschwester meuchelte.

Aufnahme verweigert

Pater Roumanet, der über den Andrang wenig erbaut ist, verweigert jede Aussage. Filmaufnahmen verweigerte er ebenfalls, obwohl er das Geld gut hätte gebrauchen können: Die beiden Türme sind derzeit eingehüllt, da Bausteine herunterfielen. Und nicht wegen okkulter Vorgänge, wie man nach der Lektüre meinen könnte. "Diese Kirche ist nicht 'auf den Resten eines antiken Isis-Tempel errichtet' worden, denn zur Römerzeit war hier ein leeres Feld", weiß Michel Rougé, der Führungen durch die Kirche Saint-Sulpice organisiert.

Deutet das P und S in den Kirchenfenstern aber nicht auf Browns Prieuré de Sion hin? "Die Buchstaben meinen Peter und Sulpizius, die Schutzpatrons der Kirche", so Rougé. "Und die Rosenlinie?", entgegnet ein Tourist und zeigt auf eine Messingleiste im Boden, die an der Wand bis zur Spitze eines Obelisken hochklettert. Rougé: "Die Rosenlinie! So was Dämliches! Diese Leiste ist Teil einer astronomischen Messvorrichtung. Dieser so genannte Gnomon wurde im 18. Jahrhundert für Experimente eingebaut, so wie das Foucault'sche Pendel in der Kuppel des Pariser Panthéons hängt. Null Bezug zum Nullmeridian oder einer anderen Linie!"

Vielmehr ließ sich in der Großkirche Saint-Sulpice der Sonnenstand über das Jahr hinweg entlang der Messingleiste verfolgen; die Priester datierten damit ihrerseits Ostern. Der Obelisk entpuppt sich bei näherer Betrachtung als dekorative Attrappe; kein Schimmer von einem esoterischen Ägyptenkult. "Dan Browns Gattin hätte das während der zwei Jahre, in denen sie in Paris recherchiert haben will, mit einem Blick bemerkt", so Rougé sarkastisch. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.5.2006)

Von Stefan Brändle aus Paris
  • Im Louvre erwartet man nach der Premiere des Films "The Da Vinci Code" (mit Tom Hanks) einen Besucheransturm.
    foto: sony

    Im Louvre erwartet man nach der Premiere des Films "The Da Vinci Code" (mit Tom Hanks) einen Besucheransturm.

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