"Es gibt den europäischen Bankkunden"

19. Mai 2006, 16:10
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BNP Paribas-Aufsichts- ratschef Michel Pébereau im STANDARD-Gespräch über die Hürden für europaweite Fusionen und die Rivalität mit den US-Banken

STANDARD: Die BNP Paribas ist dabei, die italienische Banco Nazionale del Lavoro (BNL) zu übernehmen. Ist die Ära transnationaler Bankenfusionen in der EU endlich angebrochen?

Pébereau: Das glaube ich nicht. Wir haben bei BNL eine außerordentliche Gelegenheit genutzt. Strategisch ist es eine sehr wichtige Operation, zumal dadurch unser Konzern über zwei Heimatmärkte in Frankreich und in Italien verfügt, in denen wir all unsere Geschäfte ausüben können. Solche Gelegenheiten gibt es nicht oft, denn für das Retail-Bankgeschäft bleibt Europa in nationale Märkte aufgesplittert - vor allem durch nationale Konsumentenschutz- bestimmungen und unterschiedliche Steuersysteme für Spareinlagen. Erst bei einer europaweiten Vereinheitlichung dieser Regeln kann das Zeitalter echter grenzüberschreitender Fusionen beginnen.

STANDARD: Und was würde das bringen?

Pébereau: Durch vereinheitlichte europaweite Konsumentenschutzregeln könnten die Banken mit denselben IT-Systemen in verschiedenen Ländern die gleichen Produkte anbieten, was enorme Einsparungen brächte. Das würde den Retail-Banken erlauben, ihr Netz an Filialen und anderen Verkaufssystemen außerhalb ihres Landes durch organisches und externes Wachstum auszubauen.

STANDARD: Bringt die Übernahme von BNL genug Synergien?

Pébereau: Ja, wir erwarten Synergieeffekte von 400 Millionen Euro im Jahr. Die BNP Paribas führt in Italien bereits wichtige Bank- und Finanzgeschäfte, die sich sehr gut mit den Tätigkeiten der BNL ergänzen. Und unser Konzern hat diesbezüglich viele Erfahrungen.

STANDARD: Wäre auch Deutschland ein interessanter Markt, wenn sich eine Gelegenheit für eine Übernahme bietet?

Pébereau: Unsere externe Wachstumsstrategie ist opportunistisch und diszipliniert, sie unterliegt strikten Rentabilitäts- und Risikokriterien. In Deutschland haben wir Corsors aufgekauft und mit Cortal Consors einen europäischen Führer auf dem Gebiet der Courtage und des Online-Spareinlagen geschaffen.

STANDARD: Interessiert Sie auch Österreich, vielleicht als Sprungbrett für Osteuropa?

Pébereau: Österreichische Banken sind sehr professionell und effizient. Und einige haben eine Wachstumsstrategie in Osteuropa, die ich sehr bewundere. Wenn eine von ihnen einen Partner sucht, wären wir sehr interessiert. Aber dies ist nicht der Fall.

STANDARD: Und der aktuelle Skandal um die Bawag P.S.K.?

Pébereau: Das verfolge ich nicht.

STANDARD: Warum sind Sie eigentlich nicht in Osteuropa stärker aktiv?

Pébereau: Das hat sich geschichtlich so ergeben. Zwischen 1993 und 1998, als die ersten Retail-Banken in Osteuropa verkauft wurden, war BNP auf den Erfolg seiner Privatisierung konzentriert. Und 1999/2000 haben wir die Fusion von BNP Paribas durchgeführt. Aber wir sind in diesen Ländern sehr wohl mit Investmentbanking, Asset-Management und spezialisierten Finanzleistungen aktiv. Unsere Cetelem-Filialen sind in mehreren Ländern mit Konsumentenkrediten führend - etwa in Ungarn. Überdies entwickeln wir uns sehr schnell in "Far Eastern Europe", besonders mit dem Erwerb von 51 Prozent der Ukrsibbank, einer ukrainischen Bank mit mehr als 800 Zweigstellen.

STANDARD: Wie stehen denn die Chancen auf Schaffung eines einheitlichen Bankenmarkts in der EU?

Pébereau: Laut der Europäischen Einheitsakte von 1987 hätte ein Binnenmarkt für alle Finanzdienstleistungen am 1. Jänner 1993 entstehen sollen. Seitdem hat sich das zwar im Bereich des Finanz- und Asset-Management entwickelt, aber im Retail-Geschäft ist Europa immer noch auf 15 (oder 25) heimische Märkte aufgesplittert. Das ist nicht normal. Die Verwirklichung des Binnenmarktes wäre gut für den europäischen Konsumenten. Durch mehr Konkurrenz würden die Preise fallen, es könnte die Innovation in einigen Ländern angekurbelt werden. Ist es denn so schwierig, den Konsumentenschutz bei Bankprodukten in Europa zu vereinheitlichen? Haben Deutsche, Österreicher, Franzosen oder Italiener andere Bedürfnisse? Ich glaube das nicht. Es gibt einen europäischen Bankkunden. Europa muss nun bloß die Frage beantworten, was für einen Schutz er benötigt.

STANDARD: Aber ist der wirtschaftliche Nationalismus nicht gerade in Frankreich besonders ausgeprägt?

Pébereau: Nationalismus gibt es überall, die Franzosen sprechen bloß mehr davon als die anderen. Ein Unternehmen muss seine besondere Verantwortung in dem Land wahrnehmen, in dem es seine Zentrale hat. Aber wir müssen diesen normalen Nationalismus mit der Bereitschaft kombinieren, immer europäischer zu werden.

STANDARD: Ist nicht BNP Paribas selbst eine Art nationaler Champion?

Pébereau: Nein. Wir sind in Frankreich ein Unternehmen für die Bürger und tragen hier die Verantwortung für die Investitionen und Arbeitsplätze. Aber wir sind auch eine globale Bank mit einem Heimatmarkt namens Europa. Die Hälfte unserer Aktionäre und mehr als die Hälfte unserer 110.000 Mitarbeiter sind nicht Franzosen. Wir wollen auch ein Unternehmen für die Bürger in jedem Land sein, in dem wir tätig sind - zum Beispiel hier in Österreich auf dem Gebiet des Kultursponsorings.

STANDARD: Wie sind Europas Großbanken gegenüber den US-Bankenriesen positioniert?

Pébereau: Es gibt tatsächlich Größenunterschiede. Aber die Erfahrung, die ich aus der aufeinander folgenden Leitung dreier Banken sehr unterschiedlicher Größe - dem CCF, der BNP und BNP Paribas - gemacht habe, ist, dass es bei jeder Größe erfolgreiche Bankenstrategien geben kann. Eine Strategie, die sich an die Märkte und die Größe einer Bank anpasst, konsequentes Kosten- und Risikomanagement und eine ehrgeizige, innovative Entwicklungspolitik sind der Garant für Erfolg.

STANDARD: Wer bestimmt die internationalen Spielregeln für Banken: Amerika oder Europa?

Pébereau: Hier ist das Regelwerk von Basel II entscheidend, das ich sehr begrüße, weil es die Stabilität des globalen Bankensystems stärkt. Wichtig ist jetzt, dass es in Europa und den USA auf gleicher Weise umgesetzt wird. Dafür müssen sich die Regulatoren koordinieren und dies überwachen.

STANDARD: Können die europäischen Börsen mit den US-Börsen konkurrieren?

Pébereau: Ja, ich glaube schon. Die europäischen Börsen sind technologisch eher im Vorteil. Wir müssen starke Regeln in Europa haben, auf diesem Gebiet wie auch im Bereich der Bilanzregeln, damit wir mit den Amerikanern eine günstige Harmonisierung aushandeln können, die ein Gleichgewicht darstellt zwischen der europäischen und der amerikanischen Kultur, um die Globalisierung bestmöglich zu gestalten. Wir brauchen dazu ein wirklich starkes Europa.

Zur Person

Michel Pébereau ist einer der führenden Bankiers Europas. Der Absolvent der renommierten ENA und ehemalige Spitzenbeamte im Pariser Finanzministerium führte ab 1993 als Chef der französischen BNP seine Bank durch die Privatisierung und vor sechs Jahren in die Megafusion mit der Banque Paribas. Von 2000 bis 2003 leitete der heute 64-Jährige die BNP Paribas, die zweitgrößte Bank der Eurozone und die zehntgrößte Bank der Welt; seither ist er Präsident des Aufsichtsrates.

Ende April war der kunstsinnige Franzose zur Uraufführung des von der BNP Paribas in Auftrag gegebenen Klarinettenquintetts des Komponisten Friedrich Cerha in Wien.

Das Gespräch führte Eric Frey.

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    foto: standard/regine hendrich
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