"Wir haben keine Bubenkatastrophe"

6. Mai 2006, 15:31
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Bubenforscher Tim Rohrmann im Standard-Interview über schlaue Mädchen, Trennung auf Zeit und das Männerproblem in den Schulen

Mehr männliche Lehrer und zeitweilige "Mono-Edukation" als Hilfe für nachhinkende Buben: Tim Rohrmann, deutscher Bubenforscher, über schlaue Mädchen, verhaltensauffällige Buben, Trennung auf Zeit und das Männerproblem in den Schulen.

STANDARD: Die Mädchen ziehen den Buben in den Schulen davon. Welche Erklärung gibt es?

Rohrmann: Jedenfalls keine einfache Erklärung - außer man nimmt an, dass sich herausgestellt hat, dass Mädchen eigentlich schlauer sind als Buben. Ob sich eher verändert hat, wie wichtig Buben und Mädchen Leistung nehmen, oder ob die Schule Mädchen heute bevorzugt und Buben benachteiligt, ist bislang nicht nachgewiesen.

STANDARD: Werden Buben denn in der Schule benachteiligt?

Rohrmann: Wir wissen nur, dass die Schulleistungen der Mädchen besser sind. Mädchen waren jahrzehntelang ganz offensichtlich benachteiligt. Es war ein langer Kampf, das zu thematisieren. Jetzt hat sich bei den Buben das Leistungsgefälle quasi umgedreht, und es wird oft dramatisiert.

STANDARD: Sind Mädchen die Profiteure der Koedukation?

Rohrmann: Man muss unterscheiden zwischen den Noten, also den Leistungen in der Schule, und dem, was sie hinterher daraus machen. Wir stellen noch immer einen Widerspruch fest, dass viele Mädchen trotz ihrer besseren Leistungen oft weniger daraus machen, weniger Selbstwertgefühl haben - und Buben trotz ihrer im Durchschnitt schlechteren Leistungen die besseren Jobs kriegen.

STANDARD: Plädieren Sie für Koedukations-"Auszeiten"?

Rohrmann: Es macht Sinn, damit zu experimentieren, wenn es in ein Gesamtkonzept von Koedukation eingebunden ist. Es bringt wenig, sie zu trennen, um ihnen ihre Defizite vor die Nase zu halten. Sozialtrainings für die "unsozialen" Buben und Extrakurse in Naturwissenschaft für Mädchen, weil sie da "Nachhilfe" brauchen. Da sagen die Kinder, wir sind doch nicht blöd, wir wollen nicht so sortiert werden.

STANDARD: Noten haben neben der reinen "Leistungsschau" immer auch "subjektive" Anteile. Welche Rolle spielen sie?

Rohrmann: Wir wissen aus der Schulforschung, dass Lehrer Bewertungen nicht nur auf der Grundlage von Leistungen treffen. Welche Rolle spielen zum Beispiel Verhaltensauffälligkeiten für Leistungsbewertungen? Wir wissen seit Langem, dass Jungen mehr Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Das kann natürlich durchschlagen auf Leistung.

STANDARD: Angesichts schlechter Noten und Gewalt geistert das Wort von der "Bubenkatastrophe" herum. Ist es eine?

Rohrmann: Wir haben keine Bubenkatastrophe. Das ist eine Dramatisierung. Wir haben ein Problem mit einer bestimmten Gruppe von Kindern, die mehrheitlich, aber nicht ausschließlich Buben sind - mit bestimmten Bildungsvoraussetzungen, schwierigen Bildungschancen und zu wenig Bildungserfolg. Und wir haben ein Problem mit Männlichkeit. Männlichkeitsentwürfe, die nicht mehr gut passen, können ein massives Problem werden. Aber wir dürfen nicht übersehen, dass es eine Menge Buben gibt, mit denen es gut läuft.

STANDARD: Viele propagieren mehr Männer in den Schulen.

Rohrmann: Ich wünsche mir auch mehr Männer in der Schule. Vor allem aber muss die Ausbildung verbessert und Geschlechterpädagogik etabliert werden. Männer und Frauen müssen darüber ins Gespräch kommen, was es heute bedeutet, Jungen und Mädchen zu erziehen. (DER STANDARD Printausgabe, 6.5./7.5. 2006)

Mit Tim Rohrmann sprach Lisa Nimmervoll.

Zur Person

Tim Rohrmann (43): Psychologe und Autor, zwei Töchter. Forschungs-/ Arbeitsschwerpunkte: geschlechtssensible Pädagogik, Hochbegabte, Konfliktbewältigung. 2001 gründete er "Wechselspiel - Institut für Pädagogik und Psychologie" in Braunschweig. Er schrieb unter anderem "Echte Kerle. Jungen und ihre Helden."

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