Mein Name ist Dark, Jason Dark

5. Mai 2006, 20:00
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Helmut Rellergerd ist Deutschlands erfolgreichster Autor und ein Horrorexperte der alten Schule Von Ingo Petz

Der Horror beginnt jeden Morgen um 7.45 Uhr. Dann nämlich setzt er sich in einem weißen Reihenhaus am Rande von Bergisch-Gladbach, einer Kleinstadt bei Köln, an seine Olympia, Modell Monica de Luxe und legt los, als hätte ihn jemand programmiert wie einen Roboter. Er macht kaum eine Pause, Schreibblockaden kennt er nicht. Seine Fantasie scheint grenzenlos. Bis 13.00 Uhr hat er schließlich Vampire, Zombies, Dämonen und sonstige Ausgeburten der Hölle geboren und meist genauso schnell wieder erlegt - in etwa 35.000 Anschlägen, sprich: Buchstaben. Dann ist Feierband. "Denn eigentlich bin ich ein fauler Mensch", sagt Helmut Rellergerd, mittlerweile 61 Jahre alt und lacht.

Es ist schwierig zu glauben, aber dieser gediegene, ältere Herr ist Jason Dark. Unter dem spektakulär klingenden Pseudonym, das so gar nicht zu dem bodenständigen Schreiber aus Nordrhein-Westfalen in Deutschland passen will, hat er ein gewaltiges Werk in einer Auflage von fantastischen 250 Millionen Exemplaren verkauft. Dazu gibt es Computerspiele und eine sehr erfolgreiche Hörspielreihe. Helmut Rellergerd, das wissen die allerwenigsten, ist der erfolgreichste deutschsprachige Autor, und zu verdanken hat er dies seiner Erfindung: dem sehr britischen Geisterjäger John Sinclair, der für eine Sonderabteilung von Scotland Yard seinen unermüdlichen Kampf gegen Satan und Co führt - im Namen des Guten versteht sich. Sinclair und seine Helfer gewinnen immer. "Ein übles Ende, bei dem das Böse siegt, würde mir der Jugendschutz nicht durchgehen lassen", sagt Rellergerd.

Der Sohn des Lichts", wie der Geisterjäger von seinen Feinden genannt wird, ist - sicher komisch für einen Hardcore-Dämonenschlitzer - ein ziemlicher Normalo, etwas selbstironisch vielleicht und sensibel. Dazu befindet er sich seit Jahrzehnten in den Midlife-Crisis. "Der spricht gern über seine Gefühle", sagt Autor Rellergerd. Vielleicht ein Grund, warum 60 Prozent seiner Leser Frauen sind. Egal. Sinclair hat es weltweit immerhin zum erfolgreichsten Horror-Helden gebracht, natürlich wegen der Groschenroman-Gruselserie, die seit 1978 wöchentlich rund 60.000 Leser findet. Geboren wurde die Figur allerdings schon 1973. In der Reihe "Gespenster-Krimi" des Bastei-Lübbe-Verlags hatte er seinen ersten Fall übernommen. Fünf Jahre später bekam Sinclair seine eigene Reihe und Rellergerd sein Lebenswerk, das er akkurat geordnet in Ikea-Regalen im Keller seines Hauses gestapelt hat.

Jede Woche schreibt er einen Heftroman mit 64 Seiten und monatlich ein Taschenbuch. Seitdem hat er Armeen von Monstern und anderen üblen Höllengestalten erfunden. Nachlesen kann man das alles im dicken John Sinclair-Lexikon. Die meisten Geschichten spielen stilgetreu im nebelverhangenen London, das der Autor aber nur von Stadtplänen kennt. "Ich war noch nie dort. Das würde meine Fantasie nur durcheinanderbringen."

Bei einem solchen Arbeitspensum und Fantasie-Overkill kommt es auch vor, dass die Redaktion und Überarbeitung der Texte recht mager ausfällt und dem Leser deswegen der Schauer eines gruseligen Deutsch über den Rücken läuft. "Kritiker halten nicht viel von meiner Arbeit", sagt Rellergerd, "Literatur kann ich eben nicht." Wolle er auch gar nicht, schiebt er nach. Er sieht sich als Bühnenarbeiter der Unterhaltung, als eine Art schreibenden Regisseur, dem das Kino im Kopf wichtig ist.

Das kann man auch erleben, wenn man einen Hang zum bodenständigen Schauder hat. Sinclairs Abenteuer heißen Die Rückkehr des schwarzen Todes oder Flucht ins Bluthaus und erinnern so an das "Best of" einer B-Movie-Sammlung. "Was ich schreibe", sagt Rellergerd, "ist im Grunde kein Horror, bei dem das Blut spritzt und Gedärme fliegen. Bei mir geht es viel harmloser zu." Er nennt das Gruselromane. Und tatsächlich ist Darks Fantasie eher harmlos: Es gibt kaum Sex, es werden keine Kinder gemordet, und Gewalt ist eher comichaft dargestellt. Wer Rellergerd in seinen Geschichten folgt, der folgt den Augen eines kleinen Buben, dem es weniger um die Darstellung einer rohen, expressiven Gewalt geht als um das Fantastische, das Geheimnisvolle, das sich der Bub ausmalt, wenn er nachts im Bett liegt und ängstlich auf den berühmten Wandschrank starrt.

Rellergerd hat diesen Blick konserviert und professionalisiert. Als Bub verschlang er während des Unterrichts Jerry-Cotton-Hefte, träumte von Abenteuern und Krimis. "Alles hat begonnen, als ich meinen ersten Dracula gesehen habe. Das war der von Hammer-Productions aus dem Jahr 1958. Mit Christopher Lee. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie gruselig das war", erzählt er, und seine Stimme hebt sich. "Es ging nicht um Blutvergießen, sondern um das, was man nicht sah. Es ging um die Ahnung und die Spannung." Heute hingegen gibt es kaum Tabus und Grenzen, bei all der Bildergewalt, die Tag für Tag um uns herum ist. Das konstatiert auch der anachronistische Horror-Schreiber Rellergerd: "Wir hatten noch keinen Fernseher. Das kann also heute nicht mehr funktionieren. Jede ,Tagesschau' ist mehr Horror als eines meiner Hefte."

Aus heutiger Sicht, die sich mehr an exzessiven Splatter-Szenen aus Filmen wie Saw oder Hostel orientiert, entstammt Rellergerds Romantik-Grusel einer Zeit, in der vieles noch gut lief und man den Kitzel, den Thrill in der Fantasie suchen musste. Wer erschrickt heute noch vor dem Höllenreiter Maringo, der nur durch ein Feuerlasso eines Indianers gefangen werden kann, oder etwa vor Werwölfen, die heulen? Rellergerds Erfolg beweist, dass es dennoch einen Hunger nach dem Horror ohne Horror gibt. "Meine Leser schätzen meine große Fantasie. Ich hole mir viele Ideen aus so genannten Verschwörungstheorien. Die Geschichten müssen gute Geschichten sein, und die Helden müssen nachvollziehbar bleiben."

Tatsächlich fließen auch reale Ereignisse in seine Geschichten ein, so wie etwa der Terror-Anschläge von London. Damit ist Rellergerds Horror auch ein Spiegel der Ängste, die Menschen in den vergangenen 30 Jahren durchlebt haben. "Der Kalte Krieg war ein Witz im Vergleich zu heute. Da waren die Fronten klar. Heute sind Angst und Unsicherheit durch Irakkrieg und Terror viel größer. Einerseits macht es das meinen Geschichten einfacher, andererseits schwieriger. Weil der Horror ja überall ist und damit an Reiz verliert." Im Ausland, etwa in Italien oder Frankreich, läuft die John-Sinclair-Reihe nicht mit dem bahnbrechenden Erfolg wie in Deutschland. "Zu wenig Sex, zu wenig Gewalt. Kinderkram", versucht sich Jason Dark in Erklärungsmustern. Ob die Trauer der Deutschen über den Verlust der sicher geglaubten Sozialsysteme ein weiterer Grund dafür sei, dass er gerade in Deutschland so erfolgreich ist? "Vielleicht", sagt Rellergerd kurz. Ein Intellektueller, so sagt er selbst über sich, sei er nicht. Wenn er wiederum von Horror-Filmen erzählt, lässt sich der Akkord-Schreiber kaum stoppen. Der Gruselfilm, bei dem es den Zuschauer schaudert, wenn man kaum etwas sieht, der ist seine Leidenschaft: "John Carpenter. Halloween. Ganz großartig. Oder: Bis das Blut gefriert." Er mag das Gefühl, in den Keller zu gehen und sich zu fragen, was in der Dunkelheit alles lauern könnte. Wer Rellergerd hört, könnte meinen, Gruseln sei ein menschliches Bedürfnis wie etwa Essen. Vielleicht ist es das sogar? "Nein", wiegelt der alte Herr des Horrors ab. "Meine Frau schaut so was nicht. Selbst meine Romane liest sie nie."

Wer sich fragt, ob der Besteller-Schreiber Rellergerd mit seinen 250 Millionen verkauften Groschenroman-Exemplaren superreich geworden ist: Ist er nicht. Der Fließband-Produzent bekommt pro abgeschlossener Sinclair-Geschichte 1300 Euro. "In Amerika wäre ich jetzt sicher schon ein reicher Mann", sagt Helmut Rellergerd alias Jason Dark. Zufrieden ist er dennoch, und an das Ende seiner Arbeit will er nicht denken. Im Herbst erscheint bei Random House eine neue Grusel-Reihe von ihm. Die unerschöpflichen Ideen für seine Geschichten holt er sich aus dem sprichwörtlichen Alltag. Im Urlaub auf Sylt, bei Spaziergängen mit seiner Frau. "Ich stelle mir gerne vor, was Menschen widerfahren kann - in einer banalen, trügerisch unschuldigen Situation", sagt er und klingt aufgeregt wie ein Kind. "Es ist spannend zu sehen, was passiert, wenn der Horror zuschlägt, wenn man ihn nicht erwartet, an Orten, an denen man ihn nicht erwartet."

Trotz der technischen Neuerungen, die rasant über die Welt hinwegfegen, bleibt John Sinclair im Kampf gegen die Herrschaft des Bösen ein liebevoll altmodischer Geisterjäger. Nach wie vor kämpft er mit seiner Baretta gegen Dämonen, während sein Erschaffer keinen Führerschein und kein Internet hat. Nach wie vor hat das Böse keine Chance gegen Sinclair. Gibt es also etwas, was ihm, dem Sinclair-Erschaffer, ganz besonders Angst macht? Wie aus der Pistole geschossen sagt Rellergerd: "Die Wirklichkeit." (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.5.2006)

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    coverfoto: bastei verlag
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