Achtung, scharfe Kurve

29. Mai 2006, 23:10
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Zwischen Szentendre und Esztergom reihen sich landschaftliche Höhepunkte, die ältesten Bauwerke Ungarns und neue Kunst eng aneinander

"Dort drübän gähts nach Westtransdanubiän", deutet der Gärtner mit dem Kinn zur nächsten Hügelkuppe. Dann zupft er weiter Unkraut aus dem feuchten Wiesenboden des Freilichtmuseums von Szentendre. Allzu gut kennt der ungarische Gärtner mit dem operettenhaften Akzent die Schleichwege durch "sein" Land. Mit zugemachten Augen findet er von der obertheißischen Roßmühle zur transdanubischen Schmiede und retour.

Ähnlich leicht fällt das wohl auch den Gästen der volkskundlichen Anlage, denn auch ohne Siebenmeilenstiefel und feurigen Steppenrösser ist Ungarn hier überschaubar klein geblieben: Auf 46 Hektar erstrecken sich originale Bauten und traditionelle Siedlungsformen aus mehreren Landesteilen über abgeflachte Hänge und Mulden. Weiß geschlämmte Wände lang gestreckter Bauernhäuser blitzen wie pannonisches Zahnpastalächeln am graugrünen Steppenboden.

Lückenlose Legenden

Zufällig verfrachtete man die Bauten des schönsten ungarischen Freilichtmuseums nicht ins hügelige Umland von Szentendre. Als Geheimtipp des Magyarenlandes zieht das Städtchen mit dem lückenlosen Barockensemble seit Langem Ungarns Künstler und die lokale Schickeria an. Picassos Freund und Malerkollege Béla Czóbel bepinselte hier auf impressionistische Art und Weise ungezählte Leinwandflächen, und später machte die Keramik-Legende Kovács mit ihren länglichen Tonpüppchen von sich und der Galerie-City reden. Kovács Modelle: Köche, Priester, Schweinefürsten und rotbestrumpfte Ungarmädel. Verschollene Figuren aus der Nachbarschaft, die auch den lokalen Konditormeister Károly Szabó inspirieren. Er hat sich auf handgerollte Marzipanpüppchen spezialisiert, und stellt sie im Marzipanmuseum zur Schau.

Kunst und Kitsch lagen stets nah beisammen, seit stadtmüde Maler in den 30er-Jahren das von dalmatinischen und serbischen Einwanderern begründete, mittelalterliche Handelsstädtchen "entdeckt" hatten. Auch jetzt infiltrieren holzgeschnitzte Dragoner und nett gehäkelte Pusztamädel die Schaufenster der lokalen Souvenirshops. Glasierte Kuchenformen und Wasserkrüge glänzen im Licht des späten Nachmittags in den Innenhöfen, und an den Pfosten baumeln lange Paprikaschoten. Weiter entfernt aber glitzert die Donau zwischen den Auwäldern, die am dunstigen Horizont in die Hügelländer der Börzsöny Berge übergehen. Dort legt sich die Steppe in Falten, und beendet die Donau einen spektakulären Durchfluss, der rund vierzig Kilometer weiter flussaufwärts beginnt. Ungarische Wachau heißt dieser Abschnitt. Oder schlicht und simpel Donauknie. Das prachtvolle Szentendre mit seiner großen vorgelagerten Donauinsel fungiert dabei als östliche Pforte. 417 Kilometer fließt die Donau durch Ungarn. Am allerschönsten tut sie das zweifellos zwischen Szentendre und Esztergom.

Königliches Nadelöhr

Bei Letzterem rücken die Hänge näher ans Donauufer heran. Den markanten Esztergomer Burgberg benutzten bereits die Römer, um ihre nördlichsten Landesgrenzen mit einer Festung zu sichern. Bis zu den Mongolenstürmen des Jahres 1241 blieb die Stadt Königssitz, kontrollierte den westlichen Eingang des verengten Donaubetts. Weithin sichtbar hockt denn auch Ungarns größte Kirche am Burgfelsen, hoch über Esztergoms "Wasserstadt" in der die Kis Duna (Kleine Donau) domestiziert unter mehreren Brückchen hindurchplätschert. Ein künstlicher Kanal wurde hier geschaffen, und was an dessen Uferböschungen wie schwimmende Datschas aussieht, waren früher Behausungen ungarischer Roma.

Treiben lässt man sich aber auch am "großen" Donauufer. Etwa neben den jahrhundertealten Platanen der Uferpromenade, wo Esztergoms Familienväter schneidige Kurven ins Donauwasser ziehen. Am Ufer winkt die Fangemeinde mit Krautroulade und scharfen Debreziner Würstchen. Picknick as usual.

Dramatischer wird der Flussverlauf noch weiter im Osten. Bei Dömös führen Wanderwege in die dicht bewaldeten Pilisberge, hier lagen einst die Königlichen Jagdgründe. Die engste Stelle erreicht das Donauknie aber beim Örtchen Vise- grád, dem romantischen Herzstück der gesamten Region. Seit eines Tages ein lokaler Bauer im Keller die Reste einer siebzehn Meter breiten Treppe entdeckte, lassen Ausgrabungsarbeiten die wahren Ausmaße des 400 Jahre lang "verschollenen" Königlichen Palastes zumindest wieder erahnen. Am eindrucksvollsten sind die Blicke auf die S-Kurve der Donau, die hier ihren Verlauf unvermittelt nach Süden abändert, aber von den Felszinnen der hoch gelegenen Zitadelle. 350 Meter überragt diese den silbern glänzenden Strom. Am allerschönsten ist das gleißende Band just dann, wenn die kostümierten Vise- grader Show-Falkner und -Ritter, die hier vor dem Burggraben posieren, zur abendlichen Heimfahrt rüsten. (Der Standard, Printausgabe 6./7.5.2006)

Von Robert Haidinger

Info

Ungarn Tourismus
  • Esztergom
    foto: ungarisches fremdenverkehrsamt

    Esztergom

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