"Ich bin ja der höchst vorbestrafte Verleger"

12. Mai 2006, 13:08
posten

Vor 42 Jahren gründete Klaus Wagenbach den gleichnamigen Verlag: Fast ein halbes Jahrhundert politischer Literatur, italienischer Belletristik und schlicht schöner Bücher ist nun Thema einer Ausstellung

Wien - Es gab Zeiten, da verbrachte Klaus Wagenbach einen Gutteil seiner Tage vor Gericht. "Ich bin ja wahrscheinlich der höchst vorbestrafte Verleger. Alle Prozesse ordnungsgemäß verloren. Politische Prozesse konnte man damals nicht gewinnen." Damals, das war Anfang der Siebzigerjahre. Und Klaus Wagenbach, der seinen eigenen Verlag 1964 gegründet hatte, nachdem er als Lektor bei‑ S. Fischer fristlos entlassen worden war, weil er gegen die Verhaftung eines DDR-Verlegers auf der Frankfurter Buchmesse protestiert hatte, Klaus Wagenbach also verlegte in seinem eigenen, als Kollektiv geführten Verlag Bücher, die die Bundesrepublik nicht zu brauchen glaubte. Texte von Rudi Dutschke, Ulrike Meinhoffs Bambule, das Manifest der RAF.

1973 trennte sich das Kollektiv – aus der politischen Wagenbach-Buchreihe "Rotbuch" ging der Rotbuch-Verlag hervor. Wagenbach aber gründete seinen Verlag neu. Heute erinnert das glühend rote Leinen, in das er viele seiner Bände hüllt, an die Farbe, in der sein politisches Herz schlägt. Und die Souveränität, mit der er sich den Anmutungen eines neoliberal geführten Verlagswesens widersetzt. Als einer der letzten größeren Eigentümer-Verleger widersetzte sich der Berliner jeder Übernahme durch einen Großkonzern. Vielleicht als Einziger regelte er außerdem vor vier Jahren die Zukunft des Verlages: Mehrheitsgesellschafter und Leiterin ist seither seine dritte Frau Susanne Schüssler, Wagenbach und sein Tochter Nina fungieren als Minderheitsgesellschafter.

60 Titel jährlich

Das Schielen der Konzerne nach einem Profit von zehn bis fünfzehn Prozent des Umsatzes kann ihm nur ein koboldsgleiches Kopfschütteln entlocken. Das Streben nach Profit mit seinen ständigen Kurskorrekturen – heute norwegische, morgen polnische Literatur – steht denn auch in diametralem Gegensatz zur Förderung von Literatur und deren menschlichen Urhebern, den Autoren. "Autoren leben ja länger als fünf Jahre. Die leben zehn, die leben manchmal auch siebzig Jahre. Darauf muss ein Verlag sich einrichten."

Nicht zuletzt aus Achtung vor seinen Autoren macht Wagenbach, der studierte Kunsthistoriker und Archäologe, ausnehmend schöne Bücher. "Schon aus Respekt gegenüber dem Autor darf ein Buch nicht als Wegwerf-Buch gemacht werden. Denn mit dem Buch wirft man auch den Autor weg."

Vor der Form aber zählt weiterhin der Inhalt. Über die 60 Titel, die jährlich erscheinen, entscheidet ein Gremium von vier Lektoren, zwei Frauen, zwei Männer, im Konsens. Alle Bücher werden in der Originalsprache gelesen. Von allen vieren, wenn ein Lektor einen Band zur Veröffentlichung vorschlägt: "Das hat den Nachteil, dass im Wagenbach Verlag nur Bücher aus dem Deutschen, Englischen, Italienischen, Französischen und Spanischen erscheinen können. Weil das Sprachen sind, die wir alle können."

Bücher beispielsweise von Luigi Malerba, Giorgio Manganelli, von Djuna Barnes oder Natalia Ginzburg. Kulturwissenschaftliche Texte von Peter Burke, Carlo Ginzburg oder Stephen Greenblatt. Oder die grandiose Ausgabe der Künstlerbiografien des Renaissancemalers Giorgio Vasari in vierzig Einzelbänden.

Und nicht zu vergessen: Bücher über Kafka. Seine eigene Kafka-Biografie – Franz Kafka. Eine Biografie seiner Jugend. 1883–1912 – mit der Klaus Wagenbach, bis heute einer der größten Kenner des Kafka- Werks, Ende der Fünfzigerjahre promovierte, erschien dieser Tage neu.

Gründe mehr als genug für die Büchereien Wien, dem eigensinnigen Verlag eine Ausstellung zu widmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.5.2006)

Von Cornelia Niedermeier

  • "Nach Italien!"    
Vier Jahrzehnte Verlag Klaus Wagenbach . Der unabhängige Verlag für wilde Leser Ausstellung bis 3. JuniHauptbücherei am Gürtel7., 
Urban-Loritz-Platz 2a
    ausstellungssujet: büchereien wien

    "Nach Italien!"
    Vier Jahrzehnte Verlag Klaus Wagenbach . Der unabhängige Verlag für wilde Leser
    Ausstellung bis 3. Juni
    Hauptbücherei am Gürtel
    7., Urban-Loritz-Platz 2a

  • "Wenn man ein Buch als Wegwerf-Buch macht, wirft man auch den Autor weg": Verleger Klaus Wagenbach, der seine Bücher gern in rotes Leinen hüllt.
    foto: standard/robert newald

    "Wenn man ein Buch als Wegwerf-Buch macht, wirft man auch den Autor weg": Verleger Klaus Wagenbach, der seine Bücher gern in rotes Leinen hüllt.

Share if you care.