Von Herd und Topf in die Notaufnahme

11. Mai 2006, 17:25
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Fernsehköche von heute haben längst die weiße Kochmütze an den Nagel gehängt. Legere Outfits beherrschen die TV-Küchen. Bei zahlreichen Hobbyköchen folgt aber dem Küchenausflug der Krankenhausaufenthalt

Linz/Wien – Tatort Fernsehküche: "Naked Chef"-Jamie Oliver wetzt die Messer, schärft das Fleischerbeil und rüstet den Gemüsehobel. Mit unfassbarer Leichtigkeit wirbelt der englische Starkoch zwischen den Töpfen hin und her, hackt, brät, schneidet – lockere Sprüche und ein stetes Lächeln würzen die Sendung.

Coolen Köchen mit trendigen Gerichten gehört heute der Kochlöffel. An den Bildschirmen zu Hause saugen die Hobbyköche jedes Wort der  fernsehtauglichen Küchenvorbilder auf, bereit, selbst zu lukullischen Taten zu schreiten. Nicht selten enden die Küchenausflüge aber in der Notaufnahme.

Fingerschnitt am Menü

Bei 18.800 Reserveköchen folgte – laut dem Kuratorium für Verkehrssicherheit – dem Küchenexkurs im Vorjahr ein Spitalsbesuch. "Das Kochen steht bei der Gesamtzahl der Arbeitsunfälle klar an der Spitze", erläutert Rupert Kisser, Bereichsleiter für Heim, Freizeit und Sport im Kuratorium, im Standard-Gespräch.

Unfälle würden vor allem in der Hektik passieren. "Beim Fernsehkoch schaut alles immer so locker aus. Wenn dann aber in der Hobbyküche der Reis bereits raucht, während der Braten noch roh ist, bricht die Panik aus und das Verletzungsrisiko steigt", warnt der Experte.

Die Liste der spitalsreifen Küchenausrutscher – 80 Prozent davon passieren Frauen – wird angeführt von Schnittverletzungen, gefolgt von Verbrühungen und Verbrennungen sowie Stürzen. Schuld ist oft das falsche Werkzeug: "Wer den Entenbraten statt mit der Tranchierschere mit einem Messer bearbeitet, läuft halt Gefahr abzurutschen", so Kisser.

Salatblatt als Falle

Wer glaubt, dass insbesondere scharfe Messer die Kochfinger malträtieren, irrt. "Bei stumpfen Messern wird mehr Druck angewandt. Ein Abrutschen kann da ungleich schlimmer enden", erklärt der Experte. Einen unmittelbaren Zusammenhang sieht Kisser auch zwischen den Kochunfällen und der heutigen Gesellschaft: "Dank der Fertiggerichte ist das Kochen heute mehr Hobby denn notwendige Alltagstätigkeit. Damit fehlt aber auch die entsprechende Übung."

Um Verbrühungen zu vermeiden, sei vor allem die Küchenergonomie wichtig. "Heiße Sachen sollten möglichst wenig herumgetragen werden, Herd und Abwasch daher auf einer Linie sein", so Kisser. Fatale Folgen kann übrigens ein einfaches Salatblatt haben. Einmal im nassen Zustand auf dem Küchenboden, wird es schnell zur rutschigen Falle für jeden Koch. (Der Standard, Printausgabe 6./7.5.2006)

Von Markus Rohrhofer
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    foto: matthias cremer
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