"Nicht auf die Großmutter angewiesen sein"

22. März 2007, 14:30
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Mehr Geld und Rechte für Ein-Personen-Betriebe wünscht sich der Grüne Wirtschaft-Sprecher Volker Plass im E-Mail-Interview

derStandard.at: Die Grüne Wirtschaft hat die Ein-Personen-Unternehmen (EPU) für sich entdeckt und fordert steuerliche Erleichterungen für diese Gruppe. Warum gerade EPU – und nicht auch alle anderen Mikrobetriebe?

Plass: Weil Ein-Personen-Unternehmen in der Wirtschaftskammer mit 54 Prozent der Mitglieder bereits in der Mehrheit sind. EPUs haben ganz spezifische Bedürfnisse, und wir wollen in diesem Bereich gezielte Maßnahmen setzen. Selbstverständlich enthält unser Paket auch einige Ideen für Mikrobetriebe – etwa die Anhebung des Freibetrages für lohnabhängige Abgaben, um die Anstellung des ersten Mitarbeiters zu erleichtern. Das Thema EPU mussten wir übrigens nicht "entdecken". Viele unserer Mitglieder sind selbst Ein-Personen-UnternehmerInnen.

"Steuerzuckerl für gut Verdienende"

derStandard.at: Sie kritisieren das KMU-Paket der Bundesregierung unter anderem deshalb, weil es einen Steuerfreibetrag für Investitionen ins Anlagevermögen enthält. Was stört Sie daran?

Plass: Diese Maßnahme ist ein "Steuerzuckerl" für gut verdienende Zahnärzte und Rechtsanwälte und geht an den wirklichen Bedürfnissen der Einnahmen-Ausgaben-Rechner vorbei. In den Erläuterungen zum Gesetzesentwurf wird ein Fallbeispiel mit einem Gewinn von 1,2 Millionen Euro und einem Freibetrag von 100.000 Euro vorgerechnet. Also, mein Begriff von "Mittelstand" ist ein anderer! Wenn man Investitionen begünstigen will, soll das für alle gelten – nicht nur für die, die hohe Gewinne machen.

derStandard.at: Auch die von Ihnen geforderte 30-prozentige vorzeitige Abschreibung bei Investitionen im Anlagevermögen ist aber nur für jene Betriebe eine Erleichterung, die Gewinne schreiben.

Plass: Nicht unbedingt. Abschreibungen erhöhen den Aufwand und können mitunter auch Verluste produzieren, die vortragsfähig sind und mit Gewinnen der nachfolgenden Jahre gegenverrechnet werden können. Das wäre besonders interessant, wenn es auch endlich für Einnahmen-Ausgaben-Rechner den unbegrenzten Verlustvortrag gäbe, wie wir das fordern. Leider will die Regierung diese Diskriminierung nicht beseitigen.

Notgroschen für schlechte Zeiten

derStandard.at: In Ihrem Programm findet sich ein sogenanntes "Steuersparbuch" – eine Rücklage für Einnahmen-Ausgaben-Rechner. Wie kann man sich das buchhalterisch vorstellen?

Plass: Man eröffnet für diese Rücklage ein ganz normales Sparbuch, das dann Teil der Steuererklärung ist und auch dem Finanzamt offen gelegt werden muss. Gelder, die in diese Rücklage fließen, verringern den Gewinn im Jahr der Rücklagenbildung und können in späteren Jahren für Investitionen und Aufwendungen verwendet oder gewinnerhöhend aufgelöst werden. Diese ganz einfache Rücklage hat zwei wesentliche Vorteile: Sie würde die Bemessungsgrundlage der Einkommenssteuer und der Sozialversicherung über die Jahre ein wenig glätten, was zu gerechteren Besteuerungsergebnissen führen würde. Niemand soll steuerlich bestraft werden, nur weil ein großer Kunde seine Rechnungen ein Jahr verspätet bezahlt und deshalb der angebliche "Gewinn" plötzlich höher ausfällt. Und in guten Jahren könnte man auf diesem Steuersparbuch einen "Notgroschen" für schlechtere Jahre zurücklegen, was auch die Insolvenzvorsorge verbessern würde.

derStandard.at: Zu den primären Problemen österreichischer JungunternehmerInnen zählt die geringe Eigenkapitalquote. Was schlagen Sie vor, um die Kapitalbasis der EPU zu stabilisieren?

Plass: Die Gesellschaft muss prinzipiell ihre Risikobereitschaft gegenüber JungunternehmerInnen erhöhen. Wir sind bereit, viel Geld in die Universitätsausbildung zu stecken - wenn junge Menschen hingegen Ideen und Unternehmergeist haben, bleiben sie oft im Regen stehen. Ein wichtiger Ansatz wäre: Weniger klassische Wirtschaftsförderung, die in der Regel ohnehin nur den etablierten Betrieben zu gute kommt. Dafür gerechten und transparenten Zugang zu Mikrokrediten mit 80-prozentiger Haftungsfreistellung durch eine staatliche Finanzierungsagentur. Wenn JungunternehmerInnen für gute Ideen Kapital brauchen, sollen sie nicht auf die Unterschrift der eigenen Großmutter angewiesen sein.

derStandard.at: Geförderte Kredite für GründerInnen gibt es ja schon, etwa vom Austria Wirtschaftsservice (AWS).

Plass: Verglichen mit den angeblich tollen Angeboten begegnen mir relativ viele AWS-Frustrierte, die erzählen, dass die Versprechen mit der tatsächlicher Kreditvergabe nicht immer übereinstimmen. Mikrokredite sind ja nicht nur für GründerInnen ein Thema, sondern für alle Ein-Personen-Unternehmen. Selbst die Regierung musste letzte Woche einbekennen, dass hier noch hoher Handlungsbedarf besteht.

derStandard.at: Sie fordern eine einheitliche Arbeitslosenversicherung für alle Selbstständigen. Wo soll diese Versicherung angesiedelt sein, wie hoch stellen Sie sich die Beiträge vor, und soll die Versicherung auch "neuen Selbstständigen" zugänglich sein?

Plass: Letztendliches Ziel ist eine bedarfsorientierte Grundsicherung unabhängig von der Erwerbstätigkeit. Kurzfristig müssen wir allen Selbstständigen den Zugang zu sozialstaatlichen Sicherungssystemen ermöglichen – natürlich auch den von Ihnen erwähnten Gruppen. Ein Versicherungsbeitrag von rund drei Prozent der Bemessungsgrundlage wäre sicherlich leistbar, und die Versicherung für Selbstständige könnte durchaus Teil der allgemeinen Arbeitslosenversicherung sein. Je mehr UnternehmerInnen sich versichern, umso niedriger könnten natürlich die Beiträge sein.

Das Interview führte Maria Sterkl

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Grüne Wirtschaft
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    foto: peroutka
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