Kopf des Tages: Ein Agent in der Pariser Polit-Maschine

7. Juni 2006, 16:34
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Philippe Rondot, Ex-Agent und Schlüsselfigur der Clearstream-Affäre

Es muss eine besondere Welt sein, in der man an einem scheinbar normalen Bürotag in Paris im Frühjahr 2004 eine Notiz an die Frau Minister verfasst mit dem unsicheren Titel: "Existenz eines weit angelegten Versuchs der Korruption und Destabilisierung?"

Philippe Rondot aber, General des Auslandsgeheimdienstes der französischen Armee, hat in dieser Welt gelebt. Im April 2004 sandte er seiner Vorgesetzten, Verteidigungsministerin Michelle Alliot-Marie, besagte Aktennotiz zur Clearstream-Affäre und zu der angeblichen Verwicklung französischer Politiker, darunter Innenminister Nicolas Sarkozy - viel zu spät, weil Rondot, der Topagent, damals schon seit drei Monaten ohne Wissen seiner Vorgesetzten im Auftrag von Dominique de Villepin, dem damaligen Außenminister, seine geheimen Nachforschungen anstellte.

Viel zu spät auch, weil Rondot, nach 40 Dienstjahren ein Kenner der französischen Staatsmaschine und ihrer Untergründe, schon längst Zweifel an Villepins großer Verschwörungstheorie hatte. Der Geheimdienstgeneral sah sich mit einem Mal selbst als Werkzeug benutzt: "Vorsicht: auf politische Manipulationen achten", notierte er nach einem Besuch im Büro des damaligen Außenministers.

Wie Recht er hatte, sah Rondot, mittlerweile pensioniert, im März dieses Jahres. 14 Stunden lang verhörten ihn zwei Untersuchungsrichter, die wegen Verleumdung in der Clearstream-Affäre ermitteln; nur eine "Pinkelpause" habe er bekommen, klagte Rondot später, um drei Uhr morgens durfte er wieder gehen. Die Widersprüche zwischen den Aussagen des 69-Jährigen und jenen von Premier de Villepin machen nun eine zweite Einvernahme des Generals nötig.

Philippe Rondot ist das höchst unangenehm. Wie es sich für einen Agenten gehört, scheute er zeit seines Lebens das Licht der Öffentlichkeit. Dazu aber verband ihn seit Anfang der 70er-Jahre ein Vertrauensverhältnis mit Dominique de Villepin. Damals traf er den Absolventen der Eliteschule ENA in einer Analyse-Abteilung des Außenministeriums, die von Jean-Louis Gergorin geleitet wurde - der dritten Schlüsselfigur der Clearstream-Affäre.

Rondot gilt in seiner Branche als Einzelgänger mit einem unorthodoxen Werdegang. Der Sohn eines ebenfalls bedeutenden französischen Militäragenten - Pierre Rondot - war nach dem Algerienkrieg von der Spionageabwehr zur DST, dem Geheimdienst des Innenministeriums, gewechselt, dem großen Rivalen der Agenten im Pariser Verteidigungsministerium. Wie sein Vater ist Rondot Spezialist für Sicherheitsfragen in der arabischen Welt. Seinen Ruhestand wollte er in seinem Haus im Department Nièvre verbringen. Dort hatte er auch schon Besuch von den Ermittlern. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2006)

Von Markus Bernath
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