Vom Diwan auf die Couch

4. Mai 2006, 19:06
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Freud Museum zeigt Liegemöbel als Psychotherapeutikum - die Vorgeschichte der Psychoanalyse

Wien - Denker denken im Gehen, ist eine übliche Assoziation mit dem Prozess des Grübelns. Das Sigmund Freud Museum in der Wiener Berggasse, das sich in seiner neuen Ausstellung bis 5. November mit der Couch befasst, verlegt das Denken in die Horizontale: "Die Couch. Vom Denken im Liegen" beleuchtet die Vorgeschichte der Psychoanalyse Sigmund Freuds - Samstag ist sein 150. Geburtstag - und die Bedeutung der symbolhaften Couch in Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts.

Freuds Diwan, den der Psychoanalytiker mit ins Exil nach London (er steht heute im dortigen Freud Museum) nahm, wird nicht gezeigt, weil er als nationales Kulturerbe England nicht verlassen darf. Dennoch sei er Teil der Ausstellung: Man habe sich nämlich verstärkt dem Fehlen des Objekts gewidmet, als Surrogate zu bekommen, erklärt Kuratorin Lydia Marinelli: "Dinge, die abwesend sind, geben einem mehr zu denken, als Dinge, die anwesend sind."

Der Begriff Couch habe übrigens aus dem angloamerikanischen Raum in den deutschen Sprachschatz gefunden, was Marinelli im Zusammenhang mit Psychoanalyse für besser hält, als das ursprüngliche Wort Diwan: "to couch" bedeute "to put into words", sagt die Kuratorin.

Seit 1886 therapierte Freud seine Patienten auf seinem Diwan, auch heute ist das Sofa Berufsausweis eines Psychoanalytikers oder -therapeuten. Die Couch soll durch ihre Instabilität, die "keine eindeutige Körperhaltung vorgibt" in Patienten einen "Hang zum Kontrollverlust" hervorrufen. Der Schlaf, der damit verbundene Traum und die Sexualität spielen sich auf der Couch ab und sind gleichzeitig Kernpunkte der Psychoanalyse. Während die Liegekuren in der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts zentrale Behandlungsmethoden am Körper darstellten, ging es Freud um die Analyse von Assoziationen und Fantasien, die eben im Liegen entstehen.

Analyse und Kunst

Nicht nur die Bilder der US-Fotografin Shellburne Thurber zeigen, dass die Couch aus Behandlungsräumen - von Buenos Aires, wo es die meisten psychoanalytischen Praxen weltweit gibt, bis Boston - nicht wegzudenken sind. Auch Interviews mit Analytikern belegen: "Die Couch ist ein Ort, an dem Gedanken gedacht werden dürfen, die an keinem anderen Ort gedacht werden dürfen." Die Couch findet sich auch auf Bildern und Zeichnungen von Künstlern des Surrealismus.

Von Paul Gavarni beispielsweise sind Freudenmädchen mit Dandys zu sehen, die nicht nur die Fantasie der Betrachter anregen sollen. "Auf der Couch passierte all das, was einem im ehelichen Bett verwehrt wurde," analysiert Marinelli. Gezeigt werden neben Andy Warhols Film "Couch" und vielen anderen künstlerischen Werken auch Schlafmöbel aus Nervenheilanstalten: Gitterbetten. Und Therapieszenen aus den TV-Serien "Simpsons", "Sopranos" und anderen sind - augenzwinkernd - für "Couchpotatoes" gedacht. (mil, DER STANDARD, Print, 5.5.2006)

  • Die originale Freud-Couch steht im Londoner Freud Museum. Dennoch ist sie ein zentrales Objekt der nun eröffneten Ausstellung im Wiener Freud Museum.
    foto: sigmund freud privatstiftung

    Die originale Freud-Couch steht im Londoner Freud Museum. Dennoch ist sie ein zentrales Objekt der nun eröffneten Ausstellung im Wiener Freud Museum.

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