"Die Zeit, die bleibt": Abschied in Schönheit

5. Mai 2006, 16:21
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Ein Planspiel mit hohem Einsatz: "Die Zeit, die bleibt", der aktuelle Spielfilm des französischen Regisseurs François Ozon

Ein Planspiel mit hohem Einsatz: Der französische Regisseur François Ozon stellt in seinem aktuellen Spielfilm "Die Zeit, die bleibt" die (eigene) Kunst des Bildermachens der Vergänglichkeit irdischen Daseins gegenüber.


Wien – Romain (Melvil Popaud) ist ein professioneller Bildermacher. Man begegnet ihm zuerst bei der Produktion einer Modestrecke, mitten in der Arbeit bricht er zusammen. Bereits in der nächsten Szene wird ihm sein Arzt eröffnen, dass er an einer fortgeschrittenen Krebserkrankung leidet. Die vorgeschlagenen Therapien wird der Thirtysomething Romain umgehend ablehnen, da sie, so muss auch der Arzt zugeben, die ihm verbleibende Lebenszeit kaum verlängern werden können.

Schon nach diesen ersten Minuten ist klar, dass sich François Ozon auch in diesem Fall und im weiteren Verlauf seines achten Spielfilms wenig für ein psychologisches Drama interessiert. Zwar entwirft er im Kern eine konkrete, durchaus stimmige Familien- und Lebenssituation, aber die kühle Strenge der meist statischen, aufgeräumten Bilder, die kurze Verweildauer an einzelnen Schauplätzen und bei einzelnen Figuren verhindern ein nachhaltiges Eintauchen in die innere Befindlichkeit seines tragischen Helden.

Trauer im Off

So bleibt auch eine der Schlüsselszenen, Romains Besuch bei seiner Großmutter, dem einzigen Familienmitglied, dem er sich anvertraut, kaum mehr als eine schöne Skizze. Ozon hat für diese Rolle Jeanne Moreau verpflichtet, die große alte Dame des Autorenkinos, die hier eine geradezu überirdisch gelassene, weise alte Frau verkörpert, die sich zum Weinen ins Off zurückzieht. Ähnlich Valeria Bruni-Tedeschi, die eine Zufallsbekanntschaft gibt, deren ebenso überraschendes wie irritierendes Angebot dem Helden schließlich so etwas wie eine Zukunft eröffnet.

In all dem vermittelt Die Zeit, die bleibt einmal mehr die Vorliebe des 38-jährigen französischen Regisseurs für filmische Planspiele – hier in Form einer losen Spiegelungsstruktur, der folgend, sich in der zweiten Hälfte des Films bestimmte Begegnungen aus der ersten unter veränderten Vorzeichen wiederholen.

Die Zeit, die bleibt ist aus Momentaufnahmen gebaut, die in ihrer Reduziertheit durchaus bestechen. Während 5x2, der Vorgängerfilm, seine Geschichte in fünf zeitlich und räumlich verdichteten Abschnitten erzählte, fügt Ozon nun verknappte Abläufe zu episodischen, punktuell von Musik begleiteten Sequenzen.

Er widmet sich weiters der sorgfältigen Ausgestaltung einzelner Bilder, die Romains individuelles Leiden in überhöhten Stilisierungen spiegeln – nahe an Ikonografie und Sujets klassischer Gemälde, mit sicherem Abstand zum gebrechlicher werdenden Körper: Selbst der sich in Schmerzen auf dem Badezimmerboden krümmende Romain ergibt mit der Porzellanklomuschel dahinter noch ein schön komponiertes Stillleben.

Auf der Ebene dieser "professionellen Deformation" nähern sich der Filmemacher und sein Held einander an: Die Zeit, die bleibt entwickelt daraus Romains persönlichste Reaktion auf die Gewissheit, dass ihm nur noch wenige Monate bleiben. Da und dort macht er verstohlene Aufnahmen von ihm Nahestehenden, die er zuvor in der direkten Konfrontation jeweils gründlich verprellt hat.

Diese Fotos sind Romains mögliches Vermächtnis. Die Zeit, die bleibt – in den zeitgenössischen Speichermedien aufgehoben und losgelöst von der Anwesenheit der Bilder produzierenden Subjekte. Darin erweist sich Ozon, dem man nicht selten Zynismus oder Oberflächlichkeit unterstellt, dann doch als gestandener Romantiker. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.5.2006)

Von
Isabella Reicher

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  • Großmutter, überirdisch: Jeanne Moreau und Melvil Popaud in François Ozons "Die Zeit, die bleibt".
    foto: polyfilm

    Großmutter, überirdisch: Jeanne Moreau und Melvil Popaud in François Ozons "Die Zeit, die bleibt".

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