Leitl im STANDARD-Interview: "Ich erwarte Mäßigung von beiden Seiten"

13. Juni 2006, 21:26
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Der Wirtschaftskammerpräsident warnt davor, den ÖGB jetzt als schwachen Sozialpartner zu betrachten

Zugleich bedauert Christoph Leitl im Gespräch mit Michael Völker die Art des Abganges von Fritz Verzetnitsch.


STANDARD: Sie sind einer der wenigen verbliebenen Freunde von Fritz Verzetnitsch ...

Leitl: ...in einer Situation, in der man normalerweise nur mehr wenig Freunde hat.

STANDARD: Haben Sie Kontakt mit ihm?

Leitl: Ich habe Kontakt mit ihm gehabt. Für den Sommer haben wir ein persönliches Treffen vereinbart.

STANDARD: Wie geht es ihm?

Leitl: Das kann jeder, der ein bisserl ein menschliches Gespür hat, innerlich nachvollziehen.

STANDARD: Was sagen Sie zu seiner Entlassung?

Leitl: Natürlich bin ich über diese Entwicklung rein menschlich betroffen. Sachlich kann und will ich dazu nichts sagen.

STANDARD: Kommt Ihnen Ihr Gegenüber in der Sozialpartnerschaft abhanden? Wie schätzen Sie die Krise des ÖGB ein?

Leitl: Die österreichische Sozialpartnerschaft ist als Institution stark, und eine starke Institution überdauert auch solche gravierenden Turbulenzen wie wir sie derzeit haben. Ich erwarte Mäßigung von beiden Seiten. Ich bin selbst zur Mäßigung bereit. Das heißt, alle die glauben, hurra, jetzt haben wir einen schwachen Partner, denen sage ich: Nein, wir haben einen Partner, Punkt. Und ich erwarte umgekehrt von der anderen Seite, die glaubt, jetzt in einer Schwächephase in Kollektivvertragsverhandlungen den starken Mann spielen zu wollen, auch hier Zurückhaltung. In so einer Phase sind Verständnis und Augenmaß mehr denn je gefragt.

STANDARD: Ist das eine Warnung an den Gewerkschaftsbund, jetzt den straken Mann zu spielen?

Leitl: Ich glaube, dass das österreichische Kollektivvertragswesen immer durch wechselseitiges Verständnis und durch das gemeinsame Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Arbeitsplätze zu sichern, gekennzeichnet war. Es ist jetzt wirklich nicht angebracht, wenn das von Gewerkschaftsseite überzogen wird, um nach außen hin zu signalisieren, dass man eh noch stark ist. Auch von unserer Seite ist nicht vorgesehen, dass man sagt, man hat es jetzt mit einem schwachen Partner zu tun und es wird jetzt bestimmt leichter, zu Ergebnissen zu kommen.

STANDARD: Sie werden diese Situation also bestimmt nicht ausnützen?

Leitl: Nein, absolut nicht. Ausnützen würde möglicherweise nur einen sehr kurzfristigen Erfolg bringen, aber langfristig sicherlich eine Beeinträchtigung der Gesprächsbasis zwischen den Sozialpartnern bewirken. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2006)

Zur Person

Christoph Leitl
, geboren am 29. 3. 1949 in Linz, übernahm nach dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften das elterliche Baustoffunternehmen. Seit dem Jahr 2000 ist Leitl Präsident der Wirtschaftskammer.
  • Leitl: Die österreichische Sozialpartnerschaft ist als Institution stark, und eine starke
Institution überdauert auch
solche gravierenden Turbulenzen wie wir sie derzeit haben.
    foto: standard/matthias cremer

    Leitl: Die österreichische Sozialpartnerschaft ist als Institution stark, und eine starke Institution überdauert auch solche gravierenden Turbulenzen wie wir sie derzeit haben.

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