Offene Maifragen

10. Mai 2006, 09:15
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Da es unser Anliegen ist, Dinge klar zu stellen, geht es hier jetzt eben noch einmal um die Revoluzzer vom ersten Mai

Es war soeben. Da haben wir dann beschlossen, die wichtigste Frage nachträglich zu beantworten. Schließlich, findet auch E., meine Chefin in der derstandard.at-Redaktion, sind knapp 70.000 Zugriffe auf ein kleines Erster-Mai-Polaroid in nur zwei Tagen Grund genug, nach zu fassen. Und da es unser Anliegen ist, die wirklich relevanten Dinge klar zu stellen, geht es hier jetzt eben noch einmal um die Zimmerlautstärken-Revoluzzer vom ersten Mai.

Zur Erinnerung: Wir saßen gemütlich auf dem Balkon meiner Nachbarin und aßen das von mir soeben geholte Eis, als eine x-beliebige Kundgebung auftauchte ­ und plötzlich hektisch wurde. Ob da ­ an der uns abgewandten Seite eines anderen Hauses – die Welt verändernde Flugblätter gestreut oder ebenso relevante Transparente gehisst wurden, tut nichts zur Sache: Aus unserer Eis-Balkon-Perspektive waren das ebenso wenig zu sehen, wie die Anliegen der Demo.

Das übliche Personal

Außerdem war beides sowieso egal: Ein Blick in die Tiefe – und später auf die Fotos ­ zeigte, dass hier großteils das seit Jahren gleiche Demo-Universalpersonal (der dickliche Wuschelkopf, der Blonde mit der Fake-Uniform, et al ...) zu Werke ging. Man spulte das übliche Ritual ab, war unter sich und konnte den Feiertag im gewohnten Weltbild genießen. Hermetisch, selbstzufrieden und selbstgerecht.

Irgendwann, seufzte ein Freund der Nachbarin, hätte er aufgegeben, verstehen zu wollen, worum es überhaupt ging: Galt es, Bäume in einem Park zu retten, sang irgendwer das Lied der Intifada. Und als er für die Rettung der Wale marschiert sei sei, sei das nicht ohne „wir sind nicht alle/es fehlen die Gefangenen“-Parolen und Kurdistan-Befreierei gegangen. Irgendwann habe er dann einen Polizisten mit einem Passanten beim Gespräch über Demo-X-Beliebigkeit qua Universalweltrettungsanspruch belauscht ­ und war seitdem in Wien nie wieder auf eine Kundgebung gegangen.

Planloses Brüllen

Unter uns stockte also die üblich-beliebige Wiener Demo – und brach in Hektik aus. Weil, als und während irgendwer brüllte, das Haus gegenüber sei zu stürmen. Oder werde gestürmt. Oder sei zu retten. Oder zu besetzen. Was auch immer. Es war so unverständlich wie egal – sah aber sehr komisch-dynamisch aus: Man rannte. Danach stand man. Planlos. Dann wurde die Polizei beworfen und bedrängelt ­ und als es der (nach ein paar Minuten) zu blöd wurde, mutwillig angepöbelt zu werden, setzte es Pfefferspray. Und zwar genau dort, wo geschubst, gedrängelt und geworfen worden war.

Wir blödelten noch: Dass die Sicht auf den Ablauf von Ereignissen immer eine Frage der eigenen Position sei. Dass wir uns schon auf Aussendungen und Mails freuten, in denen der brutale und überzogene Polizeieinsatz gegen harmlose Spaziergänger mit den seit Jahrzehnten gleichen Begleitfloskeln knallhart aufgezeigt und gegeißelt werden würde. Und dass das Faszinierendste an alledem sei, dass die Hermetik der Grüppchen immer zu einer hermetischen Welt- und Ereignissicht führt, die nie versagt: Alles, was der selbstgefälligen permanenten Opferlegende nicht entspricht oder sie auch nur ansatzweise relativiert, ist reaktionäre Lügenpropaganda. Bourgeois, dekadent und hasserfüllt, versteht sich.

Autosorgen

Ich würde, scherzte der Freund der Nachbarin im Stiegenhaus, mich nicht trauen, zu schreiben, wie so eine Demo samt Begleitaktion von außen aussieht und wirkt. Weil ich nur zu genau wisse, welcher automatisierte Mechanismus dann losgehen würde. Ich grinste – und sperrte das Haustor zu. (Wir waren hinunter gegangen, um es abzusperren. Keiner in unserem Haus hatte Lust, auf eine Horde über im Hof geparkte Autos vor der Staatsmacht flüchtende Demonstranten.) Dann schlossen wir eine Wette ab.

Kurz gesagt: Ich habe gewonnen. Souverän: Kein Beschimpfer traute sich, offen und ohne Pseudonym als Retter von Welt & Wahrheit aufzutreten. (Dafür jammern die feigsten von ihnen am lautesten, wenn zum Teil auch strafrechtlich relevante Drohungen nicht veröffentlicht werden.) Keiner kam über die beleidigte Behauptung, alles, was wir vom Balkon aus gesehen und fotografiert hatten, sei erfunden, erstunken und erlogen, hinaus. Keiner wollte – oder konnte – das Wort „Lüge“ durch Fakten untermauern. Das macht durchaus Sinn: Wahr darf und kann schließlich nur sein, was der eigenen Weltsicht dient. Der Rest würde zum Nachdenken führen. Und wer die eigene Wahrheit auch nur in Frage stellt, ist schon ein Ketzer. Das wusste schon die spanische Inquisition..

Polizeibüttel

Das gilt natürlich umfassend. Auch für Fotos: Mein Lieblingsposting ist jenes, in dem die Demo-Paranoia behauptet wird, die Schnappschüsse wären „exklusiv vom Staatsschutz nachgeliefert“ worden. Grandios – aber eigentlich gehört da schon noch der Vorwurf dazu, die Bilder seien nachtbearbeitet. Dass das nicht kam, ist ja fast schon enttäuschend.

Aber um all das, rügt mich E., meine Chefin in der derstandard.at-Redaktion, jetzt zum dritten Mal, gehe es doch gar nicht. Ich solle endlich zum Punkt kommen. Zum Wesentlichen. Und die Frage beantworten. Recht hat sie. Sorry. Also: Ich habe sowohl Hohlhippen als auch Waffeln gekauft. Und ­ ein kleiner Nachsatz ­ in punkto Haselnuss-, Pistazien- und Mangoeis kann der Margareten Platz mit dem Bortolotti (dem oberen, meinem einstigen Stammeisgeschäft) absolut mithalten, bei Heidelbeere und Pfirsich bin ich mir aber nicht ganz sicher. Und: seit auf der Mariahilfer Straße ein Faltdach den Himmel versteckt, sitze ich lieber im Margartener Eisgastgarten.

  • Stadtgeschichten
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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