Die Ein-Kind-Politik wirkt nicht mehr

14. Juni 2006, 15:18
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Einflussreiche Chinesen leisten sich mehr Kinder, auch wenn staatlich nur eines pro Paar erlaubt ist

Einflussreiche Chinesen leisten sich mehr Kinder, auch wenn staatlich nur eines pro Paar erlaubt ist. Zudem kommen die Einzelkinder jetzt ins Heiratsalter und dürfen als Ehepaar laut Gesetz zwei Kinder haben.

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Die Kantonerin war hochschwanger und wurde von ihrem Mann zur Geburtenplanungsstelle begleitet. Sie warf ein rotfarbenes Bankbuch auf den Schaltertisch. "Auf dem Konto sind 200.000 Yuan (rund 20.000 Euro). Sie können so viel abheben, wie sie wollen. Aber lassen Sie mich ungestört mein zweites Kind zur Welt bringen."

Südchinesische Bevölkerungspolitiker machten den Vorfall jüngst öffentlich. Empörte Chinesen beklagen seither auf speziellen Webseiten mit Karikaturen, dass Chinas strikte Geburtenkontrolle mit zweierlei Maß richtet. "Auch in der Einkindpolitik herrscht inzwischen die Zweiklassengesellschaft."

Wer das nötige Kleingeld hat, um eine seit 2002 erhobene Sozialgebühr zu zahlen, die eine Geburt und die nachträgliche Registrierung eines Kindes als Strafe kosten, kann seine Familie nach Herzenslust vermehren. Die örtlich unterschiedlich hohen Strafen reichen von (umgerechnet) einmalig gezahlten 6000 Euro zu andernorts alljährlich verlangten zehn bis 30 Prozent des väterlichen Einkommens bis zum 14. Lebensjahr des Kindes.

Partei aufgeschreckt

Abgeordnete protestierten im März im chinesischen Parlament gegen den Missbrauch. Das schreckte die Partei auf. Der oberste Geburtenkontrolleur des Landes, Zhang Weiqing, schrieb in der Mai-Ausgabe des Parteimagazins Qiu^shi, dass seine Behörde nicht tolerieren wird, wenn Superreiche und Supermächtige die Geburtenkontrolle unterlaufen. Chinas Millionäre, Filmstars oder hohe Funktionäre dürften sich mit Geld, Ruhm und Macht alles kaufen; nur eines nicht: mehr Kinder.

Die seit den Siebzigerjahren verfolgte Geburtenkontrolle, der einzige Bereich, der noch zentralstaatlich geplant wird, sei volkswirtschaftlich von höchster Priorität. Im Zeitraum einer Generation sei Chinas Bevölkerung bis Ende 2005 um rund 400 Millionen Menschen weniger gewachsen, rechnete Zhang vor. Nur so konnte der wirtschaftliche Aufschwung möglich werden.

Die Regierung muss die Folgen eines neuen Babybooms verkraften, den ausgerechnet seine Bevölkerungspolitik verursacht hat. Ein Großteil der laut Zhangs Angaben 100 Millionen Einzelkinder, die heute in China leben, sind im Heiratsalter. Sie dürfen nach den Ausnahmegesetzen für Einzelkinder mit ihren Familien selbst wieder zwei Kinder haben.

Rasche Vergreisung

Ebenso fatal wirkt sich eine ungewollte Konzession an die Bauern aus. Nach Widerstand und internationaler Kritik hatte Peking von 1984 bis 1987 Bauernfamilien erlaubt, zwei Kinder zu bekommen, wenn das erste Kind ein Mädchen ist. Nun gelangen auch diese zusätzlichen Kinder ins Heiratsalter.

Zudem wird Chinas Gesellschaft wegen ihrer Geburtenkontrolle rascher als jedes andere Land der Welt vom Problem der Vergreisung eingeholt. Die Alterspyramide ist gekippt, bevor die Sozialsysteme, besonders Renten- und Krankenversicherungen, aufgebaut werden konnten.

Zhang schloss eine Rückkehr zur alten Zwangspolitik sowohl bei der Geburtenkontrolle als auch für Gesundheitsuntersuchungen bei Eheschließungen aus. Solche Maßnahmen seien nicht mehr durchsetzbar. In Gebieten mit hohen Aidsinfektionen müsste der Staat Ehetauglichkeitsuntersuchungen aber auch zwangsweise durchsetzen. "Wenn wir das nicht machen, wären die Folgen nicht auszudenken." (DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2006)

Johnny Erling aus Peking
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