"Beim Walzer geht Goldi ein"

12. Mai 2006, 16:19
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STANDARD über­nimmt den Bildungs­auftrag: Der tanz- und TV-erprobte Ex­peri­men­tal­physiker Werner Gruber erklärt, welche Massen es im "Dancing Stars"-Finale zu "wuchten" gilt.

"Vom Standpunkt der Physik wäre Rock'n-Roll-Akrobatik mit Rollschuhen spannender" als "Dancing Stars", findet Werner Gruber. Der Experimentalphysiker an der Universität Wien ist fortgeschrittener Tänzer und TV-erprobt.

Bewegte Masse

Haftreibung spielt als physikalischer Parameter die wichtigste Rolle zwischen Boden und bewegter Masse, wie "Dancing Stars" in der Fachsprache heißen. Merke: "Wenn wir reibungsfrei sind, rutschen wir aus." Manuel Ortega begegnet laut ORF glattem Parkett mit Drahtbürste, Rizinusöl und Ledersohle. Wegen gewöhnlich größerer Fußfläche, haben die Herren in dieser Kategorie Vorteile.

Aber Vorsicht: Gleitreibung wäre von der Jury "nicht gerne gesehen": Außerhalb der Vorlesung übersetzt Werner Gruber dieses Phänomen als "Schlurfen".

Kalorienverbrauch

Kalorienverbrauch hängt maßgeblich von der Geschwindigkeit der Schritte ab. Grubers Schätzung für die Grundschritte: Andi Goldberger spart bei der Umwandlung von chemischer Energie in Bewegungs- und Rotationsenergie.

Denn laut internationalem Tanz-Reglement wird Paso Doble – bestritten von Nicole Beutler und Manuel Ortega – mit 62 Beats pro Minute (bpm) gespielt. Der Ex-Skispringer indes tanzt Samba mit gemächlicheren 52 bpm.

In der zweiten Runde zeigen alle Paare Walzer mit anspruchsvollen 60 bpm. Durchschnittlicher Kalorienverbrauch: Sieben Kilokalorien pro Minute Strauß und Stierkampftanz, vier für Samba.

Haken für den Energiesparer: "Hoher Energieverbrauch verspricht bessere Performance." Wer ordentlich Kalorien verbrennt, begeistert das Publikum.

"Masse von einer Ecke des Ballsaals in die andere zu wuchten kostet auch Energie", sagt Gruber trocken. Die in der Regel leichteren Profitänzerinnen schneiden in dieser Wertung gut ab.

Resonanz zu beurteilen, bleibt der Jury vorbehalten. Wer außer Tritt gerät, wird vor Nedbal, Elmayer und Co. nicht bestehen können. "Ein klares Unentschieden beim Taktgefühl" vergibt der Physiker da.

Auch wer dem Partner auf die Füße steigt, steigt nicht auf. Bei Nicole Beutler würde das aber am wenigsten ins Gewicht fallen.

Impulserhaltung

Impulserhaltung betrifft die Protagonisten als Paare, was die Prognose erschwert. Beim "Abstoßen und Auffangen", wie sich Tanz physikalisch beschreiben lässt, stört sehr unterschiedliches Gewicht der Partner. Wichtig für das Gleichgewicht ist der Schwerpunkt ("im Normalfall auf Nabelhöhe"). Einmal mehr entscheidet Schuhgröße über Standfläche. Geringe Körpergröße ist von Vorteil. Bei gekonnten Drehungen helfen große Armspannweite und geringes Gewicht der Damen.

Die Conclusio: "Beim Walzer wird der Goldi eingehen." Denn erlernte Bewegungsmuster unterscheiden sich in Spitzensport, Schauspiel und Songcontesterfahrung.

Physikalische Favoritin

Die Letztentscheidung trifft das Publikum. Physikalisch steht für Gruber die Favoritin fest: Nicole Beutler. Etwas herbe Erklärung: "Der Durchschnitt ist nun mal das Beste", diese Regel hat sich auch bei Astronauten bewährt.

Zum Vorbereiten auf die nächste Staffel: Im September veröffentlicht Gruber ein Buch über Alltagsphysik bei Ecowin. Mit einem Kapitel über Tanz. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2006)

  • Im Finale der Tanz-Show: Andreas Goldberger und  Julia Polay.
    foto: orf/ali schafler

    Im Finale der Tanz-Show: Andreas Goldberger und Julia Polay.

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