Kommentar: Die Hühner sind los

9. Juli 2006, 18:49
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Bei den kleinen, privaten Geflügelhaltern sind die Vögel los, oft nur so, dass es der Nachbar nicht gleich sieht

Eine realitätsferne Regel ist eine sinnlose Regel. Diese Einsicht steht jedem offen, der dieser Tage der Stadt den Rücken kehrt und durch die bäuerlichen Regionen unseres schönen Heimatlandes zieht. Ob Berg oder Tal, West oder Ost - bei den kleinen, privaten Geflügelhaltern sind die Vögel los. Sie scharren, gackern oder quaken unter freiem Himmel, oft nur im Hof hinter dem Haus und so, dass es der Nachbar nicht gleich sieht - aber doch unter Missachtung der bundesweiten Stallpflicht, obwohl diese ja eigentlich dem Schutz der Tiere vor dem Vogelgrippevirus H5N1 dient und Zuwiderhandeln Strafen von - im Extremfall - bis zu zwei Jahren Haft einbringen kann.

An dem Ungehorsam trage der Frühling Schuld, antwortet - auf diesen Umstand angesprochen - so mancher aufständische Hühnerhalter: Die Tiere in den dunklen Ställen zu halten, während draußen nach dem langen Winter endlich die Sonne scheint, sei eine Quälerei. Doch diese Argumente zählen nicht, wenn im Ministerium auf höchster Ebene über die Zukunft der Stallpflicht debattiert wird. Dort geht es - und das ist gut so - um die Zukunft der kommerziellen Freilandhaltung, um Marktbedürfnisse der Produzenten und um die Wünsche der Konsumenten nach dem Ei vom naturnah gehaltenen Huhn. Auch die Virologen kommen zu Wort: Sie warnen vor den Risiken einer H5N1-Verbreitung in den Nutzbeständen.

Das alles sind wichtige Erwägungen, doch was nützen sie einem kleinen Hühnerhalter, der für sein privates gesundes Ei ein paar Stück Federvieh hält? Auflagen wie begleitende Wildvögel-Überwachungsprogramme, die Freilandhaltern in Österreich in Zukunft abverlangt werden sollen, dürften ihm viel zu aufwändig sein. Da lobt man sich die pragmatische Schweiz: Dort haben die Behörden ein Aussetzen der Stallpflicht beschlossen. (Irene Brickner , DER STANDARD Printausgabe 4.5.2006)

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