Musikrundschau: Von Sommerplatten und Hoffnungsträgern

4. Mai 2006, 17:57
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Neue Alben von The Congos & Friends, Okkervil River, Snow Patrol und Augustana

THE CONGOS & FRIENDS
Fisherman Style
(Blood and Fire/Hoanzl)
Die 1977er-Veröffentlichung Heart Of The Congos von den gleichnamigen Reggae-Göttern gilt als eines der bedeutendsten Alben des Genres. Der Gesang des Goldkehlchens Cedric Myton über den superlässigen Grooves seiner Band gilt hier als Vorlage für eine Reihe von mit den Congos befreundeten Künstlern, die auf Mick Hucknalls (Simply Red!) einschlägigem Blood-and-Fire-Label möglicherweise die ultimative Sommerplatte abliefern. Auf zwei CDs aufgeteilt lauscht man beseelten Versionen des Meilensteins Fisherman, die von den Berlinern Mark Ernestus und Moritz von Oswald, besser bekannt als Verantwortliche von und für Rhythm and Sound, kongenial produziert wurden. Begnadete Sänger wie Horace Andy (u.a. Massive Attack) sorgen für Glückseligkeit. Besser geht es in dem Fach eigentlich nimmer! PS: Nicht vom grässlichen Cover abschrecken lassen.

OKKERVIL RIVER
Black Sheep Boy

(EMI)
Im Herbst des Vorjahrs noch bei einem kleinen Independent-Label erschienen, darf man sich die Wiederveröffentlichung von Black Sheep Boy bei EMI wohl als Reaktion auf das Phänomen Arcade Fire vorstellen. Von wegen: Wie geht das, dass einer inspirierten jungen Band ohne Zutun der Industrie plötzlich eine mittlere Welteroberung gelingt? Um eine zweite CD mit acht Stücken als neuerlichem Kaufanreiz aufgefettet, überzeugt das bereits vierte Album der aus New Hampshire stammenden Okkervil River hauptsächlich mit der bereits erhältlich gewesenen CD. Einem abwechslungsreichen, verführerischen Werk, das diese Hoffnungsträger zwischen Folk-Skizzen und Indie-Rock, dem Einflüsse von Pavement oder Neutral Milk Hotel anzumerken sind, angesiedelt haben. Es wäre nicht weiter verwunderlich, wenn Black Sheep Boy am Jahresende in diversen Top-Ten-Listen auftaucht - so wie im letzten Jahr. Und wenn der Song Black bereits davor als Single durchstartet - auch nicht. Ein absoluter Killer, der eigentlich nur darauf wartet, von einem Marketing-Menschen eines Mobilnetzanbieters für seine Zwecke entdeckt zu werden. Das ist jetzt nicht böse gemeint!
Am 24. 5. live im Wiener Chelsea.

SNOW PATROL
Eyes Open
(Universal)
Wackere Schotten, die sich nach ein paar Jahren als Geheimtipp in die britische Oberliga gespielt haben, wo sie mit dem 2003 erschienen Album Final Straw reüssieren konnten. Der Erfolg ihrer tief in den Traditionen des 80er-Insel-Rock verwurzelten Musik schwappte auch auf den Kontinent über. Mit dem nun folgenden Eyes Open will man es offenbar wissen. Auf den Mainstream schielend, bietet es kantenlosen, vorwärts drängenden Rock, zu dessen eingängigen Melodien immer wieder die Gitarren krachen, als ginge es plötzlich anders weiter. Tut es aber nicht. Über die gesamte Albumlänge kommt das ganze also schon sehr, sehr berechenbar daher. Als einmaliger Quickie ist das okay, für eine Beziehung reicht's aber nicht.

AUGUSTANA
All The Stars & Boulevards

(Sony)
Für vier Kaulquappen aus der amerikanischen Provinz wird plötzlich der Traum vom Plattenvertrag wahr. Entsprechend euphorisiert gibt sich das Debüt zwischen drängendem Rock und beschaulicheren Stücken, in denen all die Aufregung verarbeitet wird. Kurzweilig. Nett. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.5.2006)

Von Karl Fluch
  • "Fisherman Style"
    foto: hoanzl

    "Fisherman Style"

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